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Geschichte & Geopolitik

Versailles und der gescheiterte Friede

Ein Friede, so strafend, dass er den nächsten Krieg gleich mit installierte.

Am 28. Juni 1919 — auf den Tag fünf Jahre nach dem Attentat von Sarajevo — unterzeichnete die deutsche Delegation im Spiegelsaal des französischen Königsschlosses den Versailler Vertrag, in eben dem Saal, in dem 1871 das Deutsche Reich ausgerufen worden war. Schon die Wahl des Ortes war eine Demütigung. Der Vertrag entzog dem Reich rund dreizehn Prozent seines Gebiets und sämtliche Kolonien, beschränkte die Armee auf hunderttausend Mann ohne Panzer, Flugzeuge oder Generalstab, verlangte Reparationen, die schließlich auf 132 Milliarden Goldmark festgesetzt wurden, und verpflichtete Deutschland, die Kriegsschuldklausel (Artikel 231) als moralische Grundlage der finanziellen Verpflichtung anzuerkennen. Der Vertrag war in Deutschland nahezu allgemein verhasst — und der britische Ökonom John Maynard Keynes, der als Beamter des Schatzamts aus der Konferenz ausgeschieden war, schrieb mit The Economic Consequences of the Peace, die Regelung garantiere den nächsten Krieg.

Das Scheitern von Versailles hatte mehrere übereinandergelagerte Ursachen. Die Forderungen waren zu hart, um Deutschland mit der Nachkriegsordnung auszusöhnen, und doch zu mild, um es dauerhaft revisionsunfähig zu machen — das Schlechteste aus beiden Welten. Das Reparationsregime war wirtschaftlich inkohärent: Deutschland konnte nur durch Exporte zahlen, doch alliierte Zölle versperrten eben diese Exporte, sodass die Zahlungen über amerikanische Kredite finanziert wurden, die 1929 verdampften. Die GebietsverlusteElsass-Lothringen an Frankreich, der Polnische Korridor, der Ostpreußen vom Reich abtrennte, drei Millionen Sudetendeutsche innerhalb der neuen Tschechoslowakei — erzeugten irredentistische Forderungen, die Hitler später fast Punkt für Punkt erntete. Der Völkerbund, Wilsons Versuch einer dauerhaften internationalen Ordnung, war gelähmt, ehe er begann: Der US-Senat verweigerte die Ratifikation, sein Urheber trat nie bei, und Deutschland wie die Sowjetunion blieben jahrelang ausgeschlossen. Anfang der zwanziger Jahre verfügten die deutschen Nationalisten über eine geschlossene, ätzende Erzählung: Der Krieg sei durch Verrat in der Heimat verloren worden, der Frieden sei eine Demütigung, die Republik, die ihn unterzeichnet habe, sei unrechtmäßig. Die Dolchstoßlegende — der Mythos vom Dolchstoß in den Rücken — machte aus den Politikern, die die Realität anerkannt hatten, Verräter und wurde zum tragenden Balken des nationalsozialistischen Weltbildes.

Warum es jetzt zählt

Bretton Woods (1944) und die Nachkriegsordnung wurden in bewusstem Anti-Versailles-Geist entworfen — die USA würden führen statt sich zurückzuziehen, Deutschland und Japan würden wiederaufgebaut und eingebunden statt bestraft, internationale Institutionen (IWF, Weltbank, UNO, NATO) würden von den Großmächten getragen statt im Stich gelassen. Der Marshallplan war das bewusste Gegenteil von Reparationen. Die heutigen Debatten darüber, wie der russisch-ukrainische Krieg zu beenden sei und wie man eine besiegte revisionistische Macht handhabt, ohne die nächste Kränkung zu züchten, bewegen sich allesamt im Rahmen Versailles gegen Bretton Woods — bei der Frage, ob man einen geschlagenen Gegner zerdrückt oder einbindet.

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