Tokugawa-Japan
Von 1639 bis 1853 — 214 Jahre — hielt Japan sich mit Absicht und nahezu lückenlos nach außen verschlossen. Nach dem christlich geführten Shimabara-Aufstand (1637–38) wies das Tokugawa-Shogunat Portugiesen und Spanier aus, stellte das Christentum unter Todesstrafe und verwies die Niederländer auf Dejima, eine fächerförmige aufgeschüttete Insel von kaum einem Hektar im Hafen von Nagasaki — das einzige genehmigte Fenster des Landes nach Europa. Untertanen durften Japan nicht verlassen, auch das bei Todesstrafe, und hochseetüchtige Schiffe waren verboten. Keine gesteuerte Abschließung der neueren Geschichte hat besser funktioniert. Und doch industrialisierte sich das Land, das 1868 daraus hervortrat, schneller als jeder nichtwestliche Staat vor ihm — ein Befund, an dem sich jeder stößt, der Offenheit für die Bedingung des Fortschritts hält.
Stillstand herrschte unter sakoku nicht. Im Innern lief eine ausgebaute Geldwirtschaft mit reisgedeckten Kreditpapieren an den Osakaer Börsen, dazu eine lesekundige Stadtkultur — Edo zählte um 1700 vielleicht eine Million Einwohner und war damit wohl die größte Stadt der Welt — und Manufakturen, die auf hohem Niveau arbeiteten. Zwei Jahrhunderte erzwungenen Friedens unter der Pax Tokugawa nahmen dem Krieger seine Aufgabe: Der erbliche Stand der Samurai, mit Reisrenten versehen und praktisch entwaffnet, wurde zu Beamten und Rechnungsführern, viele davon tief verschuldet bei Kaufleuten, die im Rang unter ihnen standen. Die Alphabetisierung der Männer lag womöglich bei 40 Prozent, für eine vorindustrielle Gesellschaft ein Ausnahmewert. Als 1853/54 die Dampffregatten des Kommodore Matthew Perry die Öffnung der Häfen erzwangen, folgte kein langer Widerstand, sondern 1868 die Meiji-Restauration: eine von oben verordnete Neuordnung, die die Fürstentümer auflöste, ein nationales Heer aushob, Eisenbahnen und eine Verfassung schuf und mit der Iwakura-Mission Gesandte in den Westen schickte, um dort selbst nachzusehen. Westliche Industrie-, Heeres- und Rechtsformen übernahm man und legte ihnen die wiederhergestellte Legitimität von Kaiser und Shintō um. 1895 war China geschlagen, 1905 bei Tsushima eine russische Flotte vernichtet, Japan eine Großmacht. Die Lehre daran ist strukturell: Wo Schriftlichkeit, Verwaltungstiefe und politische Einheit schon vorhanden sind, lässt sich ein technischer Schock aufnehmen, statt an ihm zu zerbrechen.