Die Religionskriege
Im Jahrhundert nach Luthers Thesen entschied Europa die Frage, welches Christentum das richtige sei, mit Waffen. Der Deutsche Bauernkrieg von 1525, zu dessen Niederschlagung Luther die Fürsten selbst gedrängt hatte. Die Hugenottenkriege in Frankreich — acht aufeinanderfolgende Bürgerkriege zwischen 1562 und 1598, unterbrochen von der Bartholomäusnacht 1572. Der achtzigjährige Aufstand der Niederlande gegen Spanien. Der Dreißigjährige Krieg (1618–48), der vielleicht ein Drittel der deutschsprachigen Bevölkerung dahinraffte und ganze Landstriche in Hunger und Kannibalismus stürzte. Als sich in Westfalen der Rauch verzog, war man zu einem Schluss gekommen — erschöpft, nicht philosophisch —: unter einem Fürsten anderen Bekenntnisses zu leben war der Auslöschung immer noch vorzuziehen.
Die Religionskriege sind der Standardbeleg dafür, dass die moderne Duldung religiöser Verschiedenheit eine politische Lösung für ein militärisches Problem war und keine sittliche Errungenschaft. Die Reformation hatte die Selbstverständlichkeit zerschlagen, dass ein Herrschaftsgebiet eine Kirche habe; in den Riss floss ein Jahrhundert bewaffneter Konfessionalisierung. Die Habsburger versuchten das Reich zu rekatholisieren, calvinistische Fürsten verteidigten die Pfalz, die französische Krone zerrieb sich zwischen Guise und Bourbon, Spanien blutete sich in den Niederlanden aus. Nach dem Dreißigjährigen Krieg hat sich keine größere europäische Macht mehr auf einen umfassenden Krieg aus Glaubensgründen eingelassen; die Rechnung war zu offensichtlich nicht zu bezahlen — entvölkerte Provinzen, leere Kassen und Söldnerheere unter Condottieri wie Wallenstein, die das Land auffraßen, das sie schützen sollten. Duldung begann als pragmatische gegenseitige Anerkennung unter katholischen und protestantischen Fürsten, festgehalten in Formeln wie dem cuius regio, eius religio von 1555, das dem Herrscher die Wahl des Landesbekenntnisses ließ und über das Gewissen der Untertanen schwieg; erst allmählich wurde aus der widerwillig geduldeten Ausnahme ein Recht. Am deutlichsten zeigt es Frankreich: 1598 erließ Heinrich IV., der zur Beendigung der Kriege vom Calvinismus übergetreten war, das Edikt von Nantes und gestand den protestantischen Hugenotten ein Maß an Duldung samt befestigter Sicherheitsplätze zu — wie wenig belastbar dieser Waffenstillstand war, zeigte sich 1685, als Ludwig XIV. das Edikt widerrief und die Hugenotten außer Landes trieb. Die Zerstörung Magdeburgs 1631 mit etwa zwanzigtausend Toten, die Hexenverfolgungen, die langwährende Gewalt an der katholisch-protestantischen Grenze auf den Britischen Inseln: Gegen genau das ist der säkulare Liberalismus im Rückblick eine Versicherung. Die strukturelle Lehre überdauerte die Theologie. Ein Gemeinwesen, das sich über die letzten Ziele nicht verständigen kann, kann sich immerhin darauf verständigen, deswegen nicht mehr zu töten — und dieses Minimum ist der Keim des weltlichen Staates. Wer die religiöse Toleranz im heutigen Westen für zerbrechlich hält, liegt richtig; nur ist die Zerbrechlichkeit eingebaut: ein Waffenstillstand aus Erschöpfung, kein metaphysischer Ausgleich, und ein Waffenstillstand lässt sich wieder verlernen.