Die urbane Revolution
Um 3500 v. Chr. überschritt im sumpfigen Schwemmland zwischen Tigris und Euphrat eine Siedlung namens Uruk eine Schwelle, an die keine menschliche Gemeinschaft zuvor gestoßen war. In ihrer besten Zeit lebten hinter der neun Kilometer langen Mauer womöglich vierzig- bis achtzigtausend Menschen — weit mehr, als ein Einzelner je nach Gesicht oder Namen hätte kennen können. Sie stammten aus verschiedenen Dörfern, sprachen Spielarten desselben Sumerisch, verehrten Götter, die sich teilweise überschnitten, und mussten irgendwie zusammenarbeiten, ohne verwandt zu sein. Auf ein Leben unter Zehntausenden Fremden bereitet einen Primaten kein Instinkt vor; das Älteste an unserer sozialen Ausstattung rechnet mit einer Gruppe von vielleicht hundert Gesichtern, und alle sind bekannt. Die Stadt ist die Form, die die Menschheit erfunden hat, damit das Leben unter Unbekannten auszuhalten ist.
Sobald Fremde Wand an Wand mit Fremden wohnen, braucht es rasch neue Techniken. Schriftliche Aufzeichnungen darüber, wer wem was schuldet. Eine Verwaltung aus Tempel und Palast, die schlichtet, was die Verwandtschaft nicht länger schlichtet. Genormte Maße und Gewichte, damit der Handel nicht in Streit zerfällt. Einen gemeinsamen Kalender für Aussaat, Fest und Abgabe. Mauern, die das Innen vom Außen scheiden. In Uruk entsteht das alles binnen weniger Jahrhunderte — die Keilschrift selbst wohl an Ort und Stelle, im Tempel der Göttin Inanna, zur Buchführung. Und Städte bringen hervor, was Dörfer nicht hervorbringen können: eine Schicht von Fachleuten, die nichts anderes tun — Schreiber, Priester, Schmiede, Kaufleute, Soldaten —, ernährt von einem Überschuss, den ihre eigenen Hände nie erzeugt haben. Ihr Brot wächst bei jemandem, dem sie nie begegnet sind und nie begegnen werden. Diese Abhängigkeit — einem ungesehenen Bauern das morgige Brot anzuvertrauen und einem ungesehenen Beamten die ehrliche Rechnung — ist das psychologische Fundament jedes Staates seither. Sie hat obendrein den Motor des Fortschritts umgepolt: Wo Tausende ungleicher Köpfe eng beieinandersitzen und gezwungen sind, Waren, Klatsch und Klagen auszutauschen, prallen Ideen aufeinander und verbinden sich neu, viel schneller als auf verstreutem Land. So wurde die Stadt zum Beschleuniger der Geschichte, der Ort, an dem Schrift, Rad, Gesetzeskodex, Monumentalbau und Mathematik nahezu gleichzeitig ausgearbeitet wurden. Bezahlt wurde das mit dauerhafter Schichtung: Dieselben Mauern, die Feinde draußen hielten, hielten drinnen eine Rangordnung aus Priester, Beamtem, Handwerker und Tagelöhner fest, für die das Dorf nie Bedarf gehabt hatte.