Die Bibliothek · PhilosophieTafel № 068 · Folio VII
ILL. № 068
PHIL
Plate — Das Schiff des Theseus

Das Schiff des Theseus

Selbigkeit ist keine Eigenschaft, die ein Ding einfach besitzt, sondern eine Entscheidung darüber, welche Art von Kontinuität zählen soll. Erst wenn Materie und Form auseinanderlaufen, merkt man, dass man sie treffen muss.
Facetten
  • Replace every plank — same ship?noch nicht geprüft
  • From planks to persons over timenoch nicht geprüft
Der Beitrag

Plutarch berichtet im frühen zweiten Jahrhundert n. Chr., die Athener hätten das Schiff aufbewahrt, mit dem Theseus aus Kreta heimgekehrt war, und morsche Planken jeweils durch neue ersetzt, damit es Jahr für Jahr zum Gedenken auslaufen konnte. Irgendwann war keine der alten Planken mehr an Bord. War es noch dasselbe Schiff — oder hatte das stückweise Auswechseln unbemerkt ein zweites hervorgebracht, das nur den Namen des ersten weiterführte? Hobbes hat die Sache verschärft: Man nehme an, die ausgebauten Planken seien gesammelt und ihrerseits wieder zu einem Schiff zusammengefügt worden. Dann stehen zwei Anwärter nebeneinander — das durchgehend gefahrene aus neuem Holz und das nachgebaute aus genau den Hölzern, die Theseus unter den Füßen hatte. Welches ist das Schiff des Theseus? Für das erste spricht die Kontinuität der Form, für das zweite die Kontinuität der Materie. Zweitausend Jahre alt ist die Frage, an Lösungsvorschlägen fehlt es nicht, und keiner davon hat sie zur Ruhe gebracht.

Das Schiff des Theseus ist der Musterfall für Probleme der Identität über die Zeit. Die naheliegenden Kriterien — materielle Kontinuität, Formkontinuität, kausal-historische Kontinuität — antworten verschieden, je nachdem, welches man schwerer wiegen lässt, und fast jedes von ihnen lässt sich in irgendeinem Szenario gegen die übrigen ausspielen. Dahinter steckt das eigentliche Ärgernis: Unser alltäglicher Begriff der Selbigkeit hält diese Stränge gebündelt und zeigt erst unter Druck, dass sie auseinanderlaufen. Von Lockes Theorie der psychologischen Kontinuität (dieselbe Person, solange Erinnerung und Persönlichkeit fortdauern) bis zu Parfits reduktionistischer Position (personale Identität wiegt weniger, als wir meinen; es zählen allein die körperlichen und psychischen Verbindungen darunter) reicht die Übertragung des Schiffsfalls auf Personen. Moderne Varianten begegnen einem überall: Bin ich dieselbe Person wie vor zehn Jahren, wo doch fast jede Zelle ersetzt und der Großteil meiner Überzeugungen verschoben ist? Ist bei einer Verpflanzung das übertragene Gehirn der Patient? Ist die teleportierte Person das Original oder eine Kopie? Bleibt ein schrittweise digitalisierter Geist derselbe Geist? Ist Apple dasselbe Unternehmen wie 1976, wo weder die Gründer noch die ersten Produkte noch die damaligen Räume geblieben sind? Ist ein saniertes Bauwerk nach dem Austausch jedes einzelnen Steins noch das alte? Ist eine Theorie nach einem kuhnschen Paradigmenwechsel noch dieselbe? Das Schiff ist längst mehr als ein Gedankenexperiment: Identität über die Zeit liegt unter dem Personsein ebenso wie unter der Fortdauer von Organisationen, der Haftung im Recht, der Nachfolge an geistigem Eigentum, der biographischen Erzählung — und unter einem guten Stück Metaphysik. Ernsthafte Antworten gibt es mehrere — den Vierdimensionalismus (Dinge sind Raumzeitwürmer; das Rätsel verschwindet, sobald man aufhört, den Augenblick zu bevorzugen), die Relativität der Identität (Selbigkeit gilt nur relativ zu einem Sortal) und rivalisierende mereologische Auffassungen davon, wie Teile ein Ganzes bilden —, doch keine hat sich durchgesetzt.

Warum jetztMind-Uploading, die Teleportation der physikalischen Gedankenexperimente, Neuroprothesen, die Gentherapie, die am Genom des Patienten ansetzt, Nachfolgeregelungen in Unternehmen und Regierungen — sie alle bewegen sich in dem Gelände, das Plutarch abgesteckt hat. Auch das langsamere Drama des gewöhnlichen Lebens: Ein Körper, der im Lauf eines Lebens nahezu sämtliche Zellen austauscht, ist stofflich ein anderes Ding als der Säugling, mit dem er anfing, und doch bezweifelt niemand, dass beide eine Person sind. Die Bioethik der personalen Identität — ab wann ist der Patient ein anderer? An welchem Punkt reißt kognitive Verbesserung die Kontinuität ab? — ist ein reges Teilgebiet des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Aus dem antiken Rätsel ist eine Konstruktionsfrage geworden.