Der Wettlauf um Afrika
Vierzehn Staaten — die Vereinigten Staaten und das Osmanische Reich darunter, sonst durchweg europäische — traten im November 1884 unter Bismarcks Vorsitz in dessen eigener Reichskanzlei zur Berliner Kongokonferenz zusammen. Drei Monate lang handelten sie aus, ohne dass ein einziger Afrikaner am Tisch saß, nach welchen Regeln sie den Kontinent unter sich aufteilen würden. Die wichtigste war der Grundsatz der effektiven Besetzung: Recht bekam, wer zuerst Beamte und Flaggen aufstellte. Dreißig Jahre später war jedes afrikanische Gemeinwesen europäische Kolonie, Äthiopien und Liberia ausgenommen. Und die Grenzen, die Unterhändler damals in mitteleuropäischen Hotelzimmern über lückenhaften Karten zogen, sind — bis auf ganz wenige Ausnahmen — die Grenzen, in denen Afrika heute lebt.
Die Beweggründe lagen durcheinander. Da war der Prestigekampf der europäischen Mächte nach der deutschen und der italienischen Einigung; da waren das Maxim-Maschinengewehr und das Chinin, die Eroberung mit einem Mal billig machten; da war der Bedarf an Kautschuk, Kupfer, Gold, Elfenbein und Palmöl; und da war eine sich selbst schmeichelnde Ideologie der „Zivilisierungsmission“, mit der die Europäer das Unternehmen vor sich selbst als Wohltat auslegen konnten. Losgetreten hat es König Leopold II. von Belgien: Sein privates Vordringen ins Kongobecken schreckte Frankreich und Portugal zu Gegenansprüchen auf, und Bismarck berief die Konferenz ein, um den Wettlauf in geordnete Bahnen zu lenken. Die Praxis war Ausbeutung und vielfach Völkermord — allein Leopolds privater Kongo-Freistaat kostete durch erzwungene Kautschukquoten, Geiselnahmen, Verstümmelungen und Hunger vielleicht zehn Millionen Menschen das Leben, bis der Skandal Belgien 1908 dazu brachte, das Gebiet dem eigenen König abzunehmen. Über bestehende Staaten, Königreiche, Handelsnetze und Sprachgrenzen hinweg entschieden Linien auf einer Karte, gezogen nach Breitengrad und Flusslauf und nicht danach, wer wo lebte. Völker, die jahrhundertelang beieinander gewohnt hatten, fielen in verschiedene Kolonien; verfeindete Gruppen landeten in derselben — Hutu und Tutsi in Ruanda, die rund 250 Völker, die man zu Nigeria zusammenzog, die Somali, verteilt auf fünf Hoheitsgebiete. Widerstandslos ging das selten ab: der Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika und der jahrelange Krieg gegen Herero und Nama, der im ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts endete, zeigen den Preis. Als in den 1960er Jahren die Unabhängigkeit kam, übernahmen die neuen Staaten diese Grenzen samt den Konflikten, die in ihnen steckten — und die Organisation für Afrikanische Einheit entschied 1964, sie festzuschreiben, statt einen ganzen Kontinent voller Streitfälle aufzureißen.