Die Bibliothek · Geschichte & GeopolitikTafel № 134 · Folio VIII
ILL. № 134
GESCH
Plate — Das Römische Reich und die Pax Romana

Das Römische Reich und die Pax Romana

Zwei Jahrhunderte, in denen das Mittelmeer das Binnenmeer eines einzigen Reiches war — so ganz ist das seither nie wieder gelungen.
Der Beitrag

Von 27 v. Chr., als Octavian den Namen Augustus annahm, bis 180 n. Chr., als Mark Aurel an der Donaugrenze starb — zwei Jahrhunderte —, verwaltete Rom das gesamte Mittelmeerbecken, das halbe Europa und weite Strecken des Nahen Ostens als ein einziges, im Innern friedliches, politisch stabiles Gemeinwesen. Ein Kaufmann kam vom Hadrianswall bis an den Euphrat, sprach unterwegs nur Latein und Griechisch, zahlte in einer einzigen Silberwährung, unterstand einem einzigen Recht und fuhr auf gepflasterten Straßen, die das Heer offen hielt. Vielleicht sechzig Millionen Menschen lebten innerhalb der Grenzen — kaum je zuvor hatte eine Verwaltung so viele zusammengehalten. Erreicht hat das später kein Regime wieder — nicht im Umfang, nicht in der Dauer und schon gar nicht in der Selbstverständlichkeit dieses Friedens.

Bezahlt wurde die Pax Romana mit einigen sehr bestimmten Kompromissen. An die Stelle der umkämpften Einrichtungen der Republik setzte Augustus eine Alleinherrschaft, die als wiederhergestellte Überlieferung auftrat: keine Krone, sondern eine Häufung von Vollmachten — tribunicia potestas, imperium proconsulare, das Konsulat, wann immer er es wollte — und dazu der bescheidene Titel princeps, erster Bürger, während der Senat nachträglich beschloss, was längst entschieden war. Das Heer wurde in ein Berufsheer von rund achtundzwanzig Legionen umgewandelt, an den Reichsgrenzen stationiert und aus einer eigenen Militärkasse in der Hauptstadt besoldet und in den Ruhestand verabschiedet; damit floss die Treue dem Kaiser zu und nicht mehr ehrgeizigen Feldherren, die früher Privatheere aufgestellt und gegen die Stadt geführt hatten. Die unterworfenen Eliten wurden nach und nach eingebürgert, Provinzaristokraten rückten in den Senat und, mit Trajan und Hadrian, auf den Thron, bis 212 n. Chr. die Constitutio Antoniniana das Bürgerrecht auf jeden freien Bewohner ausdehnte. Der Handel blühte, weil die Seeräuberei zerschlagen und die Zölle vereinheitlicht waren: Ägyptisches Getreide ernährte über die staatliche annona die Million Einwohner Roms, und Waren aus Indien kamen bis nach Gallien. In dieser Zeit wirkten einflussreiche lateinische Autoren, und es entstand umfangreiche juristische Literatur, auf die später Justinians Sammlungen zurückgriffen. Städte im Reich übernahmen Foren, Thermen, Theater und Basiliken in örtlich verschiedenen Kombinationen, nicht nach einem einzigen Bauplan. Der Preis war das Ende der Selbstregierung: ein stiller Handel über Jahrhunderte, Sicherheit und Wohlstand gegen politisches Mitspracherecht. Und die Nachfolge blieb ungelöst — keine feste Regel sagte, wer als Nächster kam, weshalb in jedem Machtwechsel eine Krise steckte. Als der Handel im dritten Jahrhundert ausfranste — Seuche, verschlechterte Münze, Druck an den Grenzen, von den Legionen ein- und wieder abgesetzte Kaiser —, fing das System, das den Bürgerkrieg unterdrückt hatte, an, ihn stattdessen hervorzubringen.

Warum jetztJedes größere Reichsprojekt seither — Karl der Große, vom Papst gekrönt, Byzanz, das sich selbst Rhomania nannte, die Osmanen mit ihrem Anspruch auf den Cäsarentitel, die Briten, die amerikanische „liberale Ordnung“ — hat sich an Rom gemessen und Lehren daraus ziehen wollen. Die Erkenntnis, auf die man dabei immer wieder stößt: Die Haltbarkeit eines Imperiums hängt weniger an der militärischen Stärke als an der Legitimität bei den Beherrschten — an einer Peripherie, die sich als Beteiligte begreift und nicht als Untertan. Regime lernen diese Lektion regelmäßig neu und schmerzhaft, meist in dem Augenblick, in dem die eigene Peripherie dem Handel nicht mehr glaubt.