Die Bibliothek · Kunst & KulturTafel № 944 · Folio IX
ILL. № 944
KUNST
Plate — Das Zeitalter der Tonaufnahme

Das Zeitalter der Tonaufnahme

Von Edisons Walze zum Magnetband: Aus dem flüchtigen Ereignis wurde ein haltbarer Gegenstand — und schließlich kompositorisches Material selbst.
Facetten
  • Edison's cylinder and the acoustic eranoch nicht geprüft
  • The microphone and electric recordingnoch nicht geprüft
  • Magnetic tape: editing as compositionnoch nicht geprüft
  • From LP to streaming as the default encounternoch nicht geprüft
Der Beitrag

An einem Wintertag des Jahres 1877 rief Thomas Edison in Menlo Park Mary had a little lamb in einen Trichter, und die Schwingungen ritzten die Worte in ein Stück Stanniol, das um eine sich drehende Walze gewickelt war. Die Wiedergabe war grob, die Folie zerfiel nach wenigen Umläufen — und doch war etwas geschehen, das es zuvor nie gegeben hatte: Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte war eine bestimmte Aufführung aus dem Augenblick ihres Entstehens herausgelöst und ließ sich wieder hören, anderswo, später. Binnen siebzig Jahren sollte aus Musik, dem flüchtigen einmaligen Ereignis, ein haltbarer Gegenstand werden, den man besitzen, verschicken und am Ende neu zusammenbauen konnte — eine der größten Umwälzungen darin, wie Menschen je einer Kunst begegnet sind.

Die sieben Jahrzehnte von der Stanniolfolie bis zur LP führen über drei Stufen, und jede vertieft, was eine Aufnahme sein kann. Die erste war schlicht das Festhalten. Die frühe Aufnahme arbeitete rein mechanisch — ein Trichter bündelte den Schall auf eine Nadel, die die Rille unmittelbar schnitt —, sie bekam eine laute Stimme oder eine Blaskapelle zu fassen, ertränkte aber Streicher und Klavier und fasste nur zwei bis drei Minuten je Seite. Die Welt veränderte sie trotzdem: Emile Berliners flache Platte, viel leichter in Serie zu pressen als Edisons Walze, gewann den Markt, und Carusos Aufnahmesitzungen von 1902 verkauften sich millionenfach und machten den aufgenommenen Sänger zum ersten Mal zum Weltstar. Die zweite Stufe war die Klangtreue. Als 1925 das Mikrofon den Trichter ablöste, weitete sich das Aufnehmbare mit einem Schlag — ein volles Orchester, leise Dynamik, das Flirren hoher Obertöne kamen in Reichweite —, und die Aufnahme hörte auf, ein geschrumpftes Andenken an eine Aufführung zu sein, und begann ihr zu ähneln. Die dritte und tiefgreifendste Stufe war das Bearbeiten; sie kam mit dem Magnetband gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Band ließ sich schneiden, kleben, schichten und überspielen, sodass eine Aufnahme keine einzige ungebrochene Darbietung mehr dokumentieren musste: Sie ließ sich montieren, korrigieren, aus Augenblicken bauen, die nie gleichzeitig geschehen waren. Damit hörte die Platte auf, ein Protokoll zu sein, und wurde ein Medium eigenen Rechts (concept 290) — etwas, das ein Musiker komponiert, statt es bloß einzufangen. Im selben Jahr 1948 kam die Langspielplatte, endlich lang genug für einen ganzen Sinfoniesatz. Festhalten, dann Klangtreue, dann Bearbeitbarkeit: ein steter Weg vom Aufzeichnen der Musik, wie sie geschah, zum Bauen von Musik, die nie geschehen ist.

Warum jetztAlles danach war Ausbau — Stereo, Kassette, Compact Disc, das fürs Internet geschrumpfte MP3 und das Streaming, das heute regiert, was gehört wird —, doch die tiefe Veränderung war da längst vollzogen. 1900 hörte man Musik nur, wenn jemand sie vor einem spielte; 2025 ist die Wiedergabe vom Tonträger so übermächtig die Regel, dass das Live-Konzert zur seltenen, besonderen Ausnahme geworden ist und die Aufnahme zum Normalfall. Aus etwas, das verklang, während es erklang, wurde etwas Dauerhaftes, Tragbares, beliebig oft Wiederholbares — und für diese Umkehrung brauchte es nur die siebzig Jahre zwischen einem zerfallenden Blatt Stanniol und einer Vinyl-LP.
Zur VertiefungCapturing Sound: How Technology Has Changed Music (Mark Katz, 2. Aufl. 2010). Perfecting Sound Forever (Greg Milner, 2009). The Recording Angel (Evan Eisenberg, 1987). Reading Pop (Richard Middleton, Hg., 2000) — siehe das Kapitel zur Wirkung der Tonaufnahme auf die Aufführungspraxis.