Die bürgerliche Öffentlichkeit
Zwischen etwa 1680 und 1780 entstand in den Städten Europas ein neuer geselliger Raum: das Kaffeehaus, der Salon, die Lesegesellschaft, die politische Flugschrift, die Zeitung. Menschen, die weder Adel noch Amt hatten, begannen öffentlich über Politik zu reden — und setzten dabei voraus, ihre begründete Meinung habe Gewicht bei der Frage, wie das Gemeinwesen zu ordnen sei. Historisch war das eine Merkwürdigkeit: Über den größten Teil der überlieferten Geschichte hinweg ging es niemanden etwas an, was der gemeine Untertan von der Politik seines Fürsten hielt. Jürgen Habermas hat diesen Raum 1962 im Strukturwandel der Öffentlichkeit die bürgerliche Öffentlichkeit genannt — jene Sphäre, in der sich Privatleute zum Publikum versammeln, angesiedelt zwischen dem privaten Haushalt und dem Staat — und in ihr die strukturelle Vorbedingung der modernen Demokratie erkannt.
Getragen wurde die Öffentlichkeit von handfesten Voraussetzungen: von der Alphabetisierung, die in den protestantischen Ländern mit ihrem Drängen auf eigene Bibellektüre steil anstieg; von billigem Druck — ein Londoner Penny reichte für eine Zeitung, und Spectator und Tatler übten mit ihren Lesern das höfliche Streiten; von halböffentlichen Orten — durchlässiger als Hof oder Zunft, aber keineswegs für alle; auf ihrem Höhepunkt im 18. Jahrhundert zählte London vielleicht fünfhundert Kaffeehäuser, jedes mit eigenem Publikum: bei Lloyd's saßen Reeder und Versicherer, bei Jonathan's die Börsenhändler; und von einem Handelsbürgertum, das die Muße zum Streiten hatte. Heraus kam die öffentliche Meinung als dauerhafte politische Größe — etwas, womit Könige vorher nicht zu rechnen hatten und das sie nun umwerben, beschwichtigen oder unterdrücken mussten. Der Mechanismus war die Gegenseitigkeit: Ein gedrucktes Argument verlangte eine gedruckte Erwiderung, und damit wurde die Autorität selbst unter denen öffentlich anfechtbar, die Zugang zum Druck fanden. Die Amerikanische und die Französische Revolution wurden zum Teil für dieses Publikum aufgeführt: Die Federalist Papers erschienen als Zeitungsaufsätze, die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte war zum Vorlesen geschrieben. Die Staatsapparate, die daraus hervorgingen, beriefen sich auf die öffentliche Vernunft wie kein Regime vor ihnen — und ließen sich von ihr blamieren wie kein Regime vor ihnen.