Die Bibliothek · Geschichte & GeopolitikTafel № 182 · Folio VIII
ILL. № 182
GESCH
Plate — Die Reformation

Die Reformation

Fünfundneunzig Thesen gegen den Ablasshandel, und daraus wurden vierhundert Jahre Krieg — und das moderne Individuum, das für sein Seelenheil selbst geradesteht.
Der Beitrag

Am 31. Oktober 1517 schickte ein wenig bekannter deutscher Theologieprofessor namens Martin Luther fünfundneunzig akademische Beschwerden über die Missstände in der Kirche an seinen Erzbischof Albrecht von Mainz — ausgerechnet an den Mann, der eben jenen Ablasshandel betrieb, gegen den Luther anschrieb, um damit eine Schuld bei den Fuggern abzutragen. Vielleicht hat er sie zusätzlich an die Tür der Wittenberger Schlosskirche geschlagen; dieses Detail ist später hinzugekommen. Binnen drei Jahren standen seine Sätze in ganz Europa gedruckt, Leo X. hatte ihn gebannt, der Kaiser ihn 1521 auf dem Reichstag zu Worms geächtet — und ein Kontinent, tausend Jahre lang eine einzige religiöse Zivilisation, begann an einem Riss aufzubrechen, der nie wieder verheilt ist.

Dem Inhalt nach war Luthers Klage eine Fachsache: was Ablässe erließen, wie sie verkündet wurden und welche Vollmacht dem Papst gegenüber dem Fegefeuer zukam. Die Folge war strukturell. Wenn die Schrift und nicht die Kirche die letzte Instanz ist (sola scriptura) und wenn das Heil allein aus dem Glauben kommt, dann sprengt das dem mittelalterlichen Klerus das Monopol auf den Zugang zu Gott: Sobald jeder Lesekundige selbst in der Bibel nachschlagen kann — und Luthers deutsche Übersetzung von 1522 machte das möglich —, ist das Priesteramt entbehrlich. Eine Generation später gab es Lutheraner, Calvinisten in Genf, Anglikaner nach dem Bruch Heinrichs VIII. mit Rom 1534 und Täufer, die von allen verfolgt wurden; jede Richtung mit eigener Lehre, jede gedeckt von einem Fürsten, dem der Übertritt Kirchengut und Kirchensteuer in die Hand gab — weshalb sich die Reformation dort am raschesten durchsetzte, wo die Herrscher vom Bruch mit Rom am meisten zu gewinnen hatten. Die Religionskriege, die folgten, kosteten Millionen das Leben und entvölkerten Landstriche in Mitteleuropa: von den deutschen Kämpfen, die 1555 der Augsburger Religionsfriede beilegte, bis zum verheerenden Dreißigjährigen Krieg, mit Unterbrechungen bis zum Westfälischen Frieden von 1648. Interessanter sind die langen Wirkungen. Wo der Protestantismus Fuß fasste, stieg die Alphabetisierung — man musste die Bibel selbst lesen können. Das moderne Gewissen, die Vorstellung, dass jeder Einzelne für sein eigenes Seelenheil geradesteht, wurde zur Grundeinstellung europäischen Denkens. Und aus der Erschöpfung am Ende ging der weltliche Staat hervor, der den Frieden gerade dadurch hielt, dass er kein Bekenntnis mehr durchsetzte.

Warum jetztFast jede heutige Auseinandersetzung über religiöse Autorität, über das Gewissen des Einzelnen und über den Platz des Glaubens im öffentlichen Leben geht auf den Oktober 1517 zurück. Die Reformation hat Europa außerdem den Reflex eingeübt, sich zu spalten, sobald eine Einrichtung ihre Legitimität verliert — Abspaltung statt Reform von innen, und das offenbar auf Dauer. Dieselbe Bewegung sieht man, sooft eine Partei, eine Bewegung oder eine Kirche in verfeindete Rechtgläubigkeiten zerfällt, deren jede die ursprüngliche Wahrheit für sich beansprucht. Die Vorlage stammt von einem Mönch, der vor einem halben Jahrtausend bloß eine Disputation anstoßen wollte.