Die Bibliothek · Geschichte & GeopolitikTafel № 181 · Folio VIII
ILL. № 181
GESCH
Plate — Der Buchdruck mit beweglichen Lettern

Der Buchdruck mit beweglichen Lettern

Gutenberg, um 1450: Zum ersten Mal konnte ein Gedanke schneller unterwegs sein als der Mensch, der ihn gedacht hatte.
Der Beitrag

Johannes Gutenberg war Goldschmied; er kannte sich mit Metall aus, mit Ölen und mit Geduld. Um 1450 brachte er in Mainz eine Weinpresse, eine ölhaltige Farbe, die auf Metall haftete, und vor allem bewegliche, aus Metall gegossene Lettern zusammen, die aus einem wiederverwendbaren Handgießinstrument stammten — heraus kam eine Maschine, die identische Exemplare eines Buches rund zweihundertmal schneller lieferte als ein Schreiber von Hand. Sein Meisterstück, eine zweibändige lateinische Bibel in etwa 180 Exemplaren, geriet technisch makellos und kaufmännisch verheerend: 1455 verlor er die Werkstatt in einem Prozess an seinen Geldgeber Johann Fust und starb fast vergessen. Der Betrieb ging am Ende bankrott, die Technik nicht — und in diesem Abstand zwischen dem Schicksal des Erfinders und dem der Erfindung steckt die ganze Geschichte.

Binnen fünfzig Jahren stand in jeder größeren Stadt Europas mindestens eine Presse; bis 1500 waren etwa zwanzig Millionen Bände gedruckt — mehr Bücher, als sämtliche Schreiber Europas im Jahrtausend davor abgeschrieben hatten. Diese Frühzeit trägt bis heute einen eigenen Namen: Inkunabeln. Das Buch, bis dahin ein Luxusstück, von Mönchen mit der Hand kopiert und so teuer wie ein Pferd, geriet in die Reichweite eines lesekundigen Handwerkers; der Preis der Information stürzte ab. Es folgten billige Flugschriften. Dann Zeitungen. Dann schlug 1517 ein deutscher Mönch namens Luther seine Thesen an eine Tür, und binnen weniger Monate las man sie in Paris, London, Krakau und Stockholm. Bekehren musste ihn niemand; die Überzeugungsarbeit erledigte die Presse. Nicht allein das Tempo war entscheidend, sondern die Gleichförmigkeit: Weil die Exemplare identisch waren, konnte ein Leser in der einen Stadt dieselbe Seite anführen wie ein Leser in der anderen — und erst das machte aufeinander aufbauende Gelehrsamkeit möglich, und ebenso den abgestimmten Widerspruch. Die Reformation, die wissenschaftliche Revolution, die Aufklärung, der Aufstieg des volkssprachlichen Romans, die Vereinheitlichung der Nationalsprachen, die Öffentlichkeit selbst — nichts davon wäre ohne den Buchdruck mit beweglichen Lettern auch nur denkbar gewesen. Autorität, die auf der Verfügung über die Texte ruhte, die der Kirche wie die der Krone, hielt sich noch ein Jahrhundert lang aus reinem institutionellem Schwung. Dann brach sie weg: Der billige Druck machte aus der Zensur ein aussichtsloses Spiel gegen tausend Pressen, von denen jede ein verbotenes Buch schneller nachdruckte, als die Zensoren es einsammeln konnten.

Warum jetztJeder Umbruch seither — Rundfunk, Fernsehen, Internet, der algorithmische Feed — ist an Gutenberg gemessen worden. Die Druckerpresse ist die Folie, auf der wir über neue Medien überhaupt nachdenken: Die Frage lautet immer, welche Art von Reformation das Neue diesmal auslöst. Und das Muster, das sie vorgegeben hat — eine billige Vervielfältigungstechnik löst ein Informationsmonopol auf und erschüttert danach die Einrichtungen, die dieses Monopol getragen haben —, ist genau die Linse, durch die wir heute den Zusammenstoß der sozialen Medien mit Zeitungen, Universitäten und Staaten betrachten.