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Geschichte & Geopolitik

Der Buchdruck mit beweglichen Lettern

Gutenberg, um 1450: zum ersten Mal konnte ein Gedanke seinen Urheber überholen.

Johannes Gutenberg war Goldschmied. Er verstand Metalle, Öle und Geduld. Um 1450 verband er in Mainz eine Weinpresse, eine ölhaltige Druckfarbe, die am Metall haftete, und — vor allem — gegossene bewegliche Lettern, abgegossen aus einem wiederverwendbaren Handgießinstrument, zu einer Maschine, die identische Buchexemplare etwa zweihundertmal schneller herstellen konnte als ein menschlicher Schreiber. Sein Meisterwerk, eine zweibändige lateinische Bibel in rund 180 Exemplaren, war technisch makellos und kaufmännisch ruinös: 1455 verlor er die Werkstatt durch einen Prozess an seinen Geldgeber Johann Fust und starb beinahe vergessen. Sein Unternehmen ging am Ende bankrott. Die Technik nicht — und genau diese Kluft zwischen dem Schicksal des Erfinders und dem der Erfindung ist die ganze Geschichte.

Binnen fünfzig Jahren hatte jede größere europäische Stadt mindestens eine Presse; bis 1500 waren etwa zwanzig Millionen Bände entstanden — mehr Bücher, als alle Schreiber Europas im vorangegangenen Jahrtausend kopiert hatten —, und die Produktion dieser Zeit wird bis heute unter einem eigenen Namen verzeichnet: Inkunabeln. Das Buch, zuvor ein Luxusgegenstand, von Mönchen handkopiert und so teuer wie ein Pferd, wurde zu etwas, das ein lesekundiger Handwerker sich leisten konnte; der Preis der Information brach ein. Billige Flugschriften folgten. Dann Zeitungen. Dann, 1517, schlug ein deutscher Mönch namens Luther seine Thesen an eine Tür, und binnen Wochen las man sie in Paris, London, Krakau und Stockholm. Niemand musste ihn bekehren; die Presse erledigte die Überzeugungsarbeit. Der Mechanismus war nicht nur Geschwindigkeit, sondern Gleichförmigkeit: Identische Exemplare bedeuteten, dass ein Leser in der einen Stadt dieselbe Seite zitieren konnte wie ein Leser in der anderen, was kumulative Gelehrsamkeit — und koordinierten Widerspruch — erstmals möglich machte. Die Reformation, die wissenschaftliche Revolution, die Aufklärung, der Aufstieg des volkssprachlichen Romans, die Vereinheitlichung der Nationalsprachen, die Öffentlichkeit selbst — nichts davon wäre auch nur annähernd möglich gewesen ohne den Buchdruck mit beweglichen Lettern. Autorität, die auf der Kontrolle der Texte beruhte — die der Kirche, die der Krone —, hielt sich noch ein Jahrhundert allein durch institutionellen Schwung und brach dann zusammen, als der billige Druck die Zensur zu einem aussichtslosen Spiel gegen tausend Pressen machte, von denen jede ein verbotenes Buch schneller nachdrucken konnte, als die Zensoren es beschlagnahmen konnten.

Warum es jetzt zählt

Jeder Umbruch seither — Radio, Fernsehen, Internet, der algorithmische Feed — ist an Gutenberg als Maßstab gemessen worden. Die Druckpresse ist die Folie, vor der wir überhaupt über neue Medien nachdenken: Die Frage lautet stets, „welche Art von Reformation löst dieses Medium aus?“ Das Muster, das sie vorgab — eine billige Kopiertechnik löst ein Informationsmonopol auf und erschüttert dann die Institutionen, die das Monopol getragen hatte —, ist genau die Linse, durch die wir heute das Aufeinanderprallen sozialer Medien mit Zeitungen, Universitäten und Staaten lesen.

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