Die Bibliothek · Geschichte & GeopolitikTafel № 121 · Folio VIII
ILL. № 121
GESCH
Plate — Das phönizische Alphabet

Das phönizische Alphabet

Zweiundzwanzig Zeichen genügten, um das Lesen und Schreiben für die kommenden dreitausend Jahre aus der Hand der Zünfte zu nehmen.
Der Beitrag

Die Phönizier waren ein Bund von Handelsstädten an der Küste des heutigen Libanon — Tyros, Sidon, Byblos —, die zwischen etwa 1200 und 300 v. Chr. das Mittelmeer befuhren. Von ihnen stammt der Tyrische Purpur, ein aus Purpurschnecken gewonnener Farbstoff, so teuer, dass er zur Farbe der Könige wurde; von ihnen stammt Karthago; ihre Schiffe holten Zinn und Silber bis aus Britannien, und einem Bericht zufolge umrundeten sie ganz Afrika. Die folgenreichste Fracht lag allerdings nicht im Laderaum. Es war das Alphabet: zweiundzwanzig schlichte Zeichen, jedes für einen einzelnen Konsonantenlaut, an einem Nachmittag zu lernen von jedem, der denken konnte — eine Schrift, die fast nebenbei neben Zedernholz und Farbstoff in jeden Hafen kam, den sie anliefen.

Die Keilschrift kam auf mehrere hundert Zeichen und verlangte Jahre der Ausbildung, den ägyptischen Hieroglyphen erging es nicht anders. Beide waren das Eigentum einer Schreiberzunft, deren gesellschaftliche Stellung genau daran hing, wie schwer das System zu bedienen war, das nur sie beherrschte. Das phönizische Alphabet — selbst eine Straffung älterer protosinaitischer und kanaanäischer Schriften, in denen semitischsprachige Arbeiter in Ägypten eine Handvoll Hieroglyphen für die Laute ihrer eigenen Sprache umgewidmet hatten — brach dieses Monopol. Der Kunstgriff heißt Akrophonie: Jedes Zeichen bildet einen Gegenstand ab, dessen Name mit dem Laut anfängt, für den das Zeichen steht; das Häuschen, bet, steht für b. Zweiundzwanzig Zeichen, keine Wortzeichen zum Auswendiglernen — so radikal leicht erlernbar, dass wenige Generationen nach der Ausbreitung Lesen und Schreiben aufhörten, ein Beruf zu sein. Verbreitet hat es der Handel: Eine Kaufmannskultur braucht billige, schnelle Buchführung dringender als monumentale Inschriften, und die Schrift nahm dieselben Wege wie die Ware. Um 800 v. Chr. übernahmen die Griechen sie und fügten das Entscheidende hinzu: Sie widmeten überzählige Konsonantenzeichen zu Vokalen um und hatten damit die erste vollständig lautgetreue Alphabetschrift, eine, die den Klang einer Homerzeile genau festhalten konnte. Aus der griechischen Fassung formten die Römer die lateinischen Buchstaben dieser Seite; Hebräer, Aramäer und Araber führten je eigene Zweige nach Osten weiter, und aus dem aramäischen gingen die Schriften Persiens und Indiens hervor. Fast jede Alphabetschrift, die im Mittelmeerraum, im Vorderen Orient, in Indien und am Ende in fast aller Welt gebraucht wird, geht auf jene zweiundzwanzig phönizischen Zeichen zurück. Man sieht die Abstammung den Buchstaben an: Unser A ist ein auf den Kopf gestellter, stilisierter Ochsenkopf, und phönizisch Aleph hieß schlicht Ochse.

Warum jetztDie Demokratisierung der Schriftlichkeit gehört, neben dem Ackerbau, zu den folgenreichsten Einzeltechniken der Menschheitsgeschichte. Jede spätere Welle geistiger Ermächtigung — Buchdruck, allgemeine Schulbildung, Internet — setzt fort, was die Phönizier angefangen haben: die Werkzeuge des festgehaltenen Denkens so billig zu machen, dass keine Elite sie für sich behalten kann. Das politische Muster wiederholt sich bis heute: Wer bestimmt, wer lesen und schreiben lernt, bestimmt auch, wer sich erinnern, streiten und organisieren kann — und deshalb hat jede Verbilligung des Lesens und Schreibens, ausnahmslos jede, Macht umverteilt.