Die Perserkriege
Zwischen 499 und 449 v. Chr. schlug ein Bund kleiner griechischer Stadtstaaten — untereinander zerstritten, oft genug miteinander im Krieg, ohne gemeinsame Regierung und ohne stehendes Heer — das größte Reich der damaligen Welt in einer Reihe von Feldzügen, die eigentlich nicht zu gewinnen waren. Bei Marathon zerbrach 490 ein zahlenmäßig weit unterlegenes athenisches Hoplitenaufgebot die persische Landung an einem einzigen Vormittag. Zehn Jahre darauf kam Xerxes mit einem Heer beispielloser Größe wieder; nachdem der Aufhaltekampf an den Thermopylen verloren war, stellte eine verbündete Flotte die persische Marine in der Enge von Salamis und vernichtete sie (480). Im Jahr darauf schlug bei Plataiai eine griechische Koalition unter spartanischem Oberbefehl das persische Landheer in die Flucht; der Einfall war beendet. Griechenland, vielleicht zwei Millionen Menschen, überstand unversehrt den Angriff eines Reiches von fünfzig Millionen.
Wichtiger als die Kriege selbst ist, was die Griechen daraus gemacht haben. Herodot hat sie eine Generation später im ersten erhaltenen Prosawerk der Geschichtsschreibung erzählt, und er hat sie angelegt als Gegensatz von griechischer Freiheit und persischer Despotie: Freie, die für ihre eigene Stadt und ihre eigenen Gesetze fochten, gegen Untertanen, die fochten, weil der Großkönig es befahl. Selbstverständlich war das zu einem guten Teil Eigenlob. Das Achämenidenreich war ein weit kultivierteres, duldsameres und besser verwaltetes Gemeinwesen, als Herodot einräumte — Königsstraße, Satrapienordnung, einheitliche Münze und der Schutz unterworfener Völker, Kyros hatte die judäischen Verbannten ziehen lassen, übertrafen alles, was Griechenland dagegenzusetzen hatte —, und die griechische „Freiheit“ war die Freiheit freier männlicher Bürger, während Sklaven die Arbeit machten. Trotzdem: Der Deutungsrahmen — dass etwas Eigenes an der griechischen politischen Kultur ihnen einen wirklichen Vorteil verschafft habe, dass Freie härter kämpfen als Gezwungene — wurde zum Gründungsmythos der abendländischen Zivilisation. Militärisch lag die Sache näher bei Glück, Gelände und der schweren Hoplitenphalanx, die dort focht, wo persische Reiterei und Bogenschützen nichts ausrichteten. Bezahlt haben die Siege überdies das goldene Zeitalter Athens: Das Silber von Laurion baute die Flotte, die Flotte gewann bei Salamis, und aus dem Attisch-Delischen Seebund, gegründet, um den Krieg gegen Persien fortzusetzen, wurde ein athenisches Reich, dessen Tribute den Parthenon bezahlten, die Tragödien des Aischylos, der selbst bei Marathon gestanden hatte, Perikles und die Demokratie, die das alles trug. Fünfzig Jahre später zog ebendieses imperiale Selbstbewusstsein Athen in den Peloponnesischen Krieg und in den Ruin. Jede spätere abendländische Kultur, von Rom über die Aufklärung bis zur modernen amerikanischen Republik, hat einen Teil ihres Selbstbildes in den Perserkriegen gesucht.