Der Rockström-Rahmen umreißt neun planetare Prozesse, deren Stabilität heute durch menschliches Handeln auf die Probe gestellt wird. Sechs der neun galten 2023 als überschritten (Richardson et al., Science Advances) — gegenüber dreien im Originalaufsatz von 2009. Die Liste dient als Dashboard für den globalen Umweltzustand: sie treibt die Politik nicht von sich aus, liefert aber eine numerische Bilanz darüber, wie weit das Erdsystem aus der Holozän-Basislinie herausgedrückt worden ist.
Die neun Grenzen mit aktuellem Stand: (1) Klimawandel — Grenze 350 ppm CO₂ und +1 °C über vorindustriellem Niveau; überschritten (aktuell rund 420 ppm, +1,3 °C). (2) Biosphärenintegrität — Grenze <10 Aussterbeereignisse je Million Arten pro Jahr; überschritten (aktuell 100–1.000 E/MSY). (3) Biogeochemische Flüsse — Stickstofffluss rund 62 Mt/Jahr und Phosphor rund 6,2 Mt/Jahr; überschritten (aktuell rund 150 Mt N/Jahr und rund 14 Mt P/Jahr; das Haber-Bosch-Verfahren ist die dominante Stickstoffquelle). (4) Landsystemwandel — Grenze 85 % der ursprünglichen Waldbedeckung global erhalten; überschritten (aktuell rund 62 %). (5) Süßwasserwandel — 2023 neu gefasst als blaues Wasser (Flüsse, Seen, Grundwasser) und grünes Wasser (Bodenfeuchte); 2023 überschritten, in früheren Fassungen nicht. (6) Ozeanversauerung — Grenze: Aragonit-Sättigung Ω ≥ 2,75 global; noch nicht überschritten, aber im Anflug, derzeit rund 80 % der vorindustriellen Referenz. (7) Atmosphärische Aerosolbelastung — lokal überschritten in Südasien und China, aber keine operationalisierte globale Grenze. (8) Neuartige Stoffe — synthetische Chemikalien, Kunststoffe, antibiotische Verbindungen; 2022 überschritten (Persson et al.). (9) Abbau der stratosphärischen Ozonschicht — innerhalb der Grenze; Erholung läuft unter dem Montrealer Protokoll von 1987, der einzigen sauberen Erfolgsgeschichte des Rahmens.
Das wichtigste Muster im Dashboard ist die Kopplung zwischen den Grenzen. Der Klimawandel treibt einen großen Teil des Verlusts an Biosphärenintegrität, viel des Süßwasserstresses und die Ozeanversauerung. Der Stickstofffluss treibt sowohl den Biodiversitätsverlust (Eutrophierung) als auch das Klima (N₂O ist ein starkes Treibhausgas). Die Grenze für neuartige Stoffe schneidet fast jede andere, weil Chemikalien Ökosysteme, Klimaantrieb und Biogeochemie zugleich berühren. Die eine Erfolgsgeschichte — Ozon — kam durch eine ungewöhnlich günstige Konvergenz zustande: eine kleine Zahl ersetzbarer Chemikalien, identifizierbare Hersteller, ein klarer und schneller wissenschaftlicher Konsens, ein bindendes internationales Abkommen. Ob sich Vergleichbares für die schwierigeren Grenzen wiederholen lässt, ist die praktische Frage, die der Rahmen am nützlichsten zuspitzt.