Die neun Grenzen
- Six of nine transgressed by 2023noch nicht geprüft
- The nine boundaries and their thresholdsnoch nicht geprüft
- Climate and nitrogen couple the boundariesnoch nicht geprüft
- Ozone, the framework's one clean successnoch nicht geprüft
Neun planetare Prozesse, deren Stabilität das menschliche Handeln inzwischen auf die Probe stellt — so umreißt das 2009 von Johan Rockström, Will Steffen und Kollegen vorgeschlagene Konzept sein Thema. Die Frage dahinter klingt einfacher, als sie ist: In welchen Grenzen bleibt das Erdsystem in jenem milden, dem Holozän ähnlichen Zustand, der Ackerbau und Städte überhaupt erst möglich gemacht hat? Rund zwölftausend Jahre lang hielt dieser Zustand bemerkenswert ruhig; die Prämisse lautet, dass der menschliche Druck ihn inzwischen aus der Ruhe bringt. Diese Grenzen stecken den sicheren Handlungsraum der Menschheit ab, und die neun planetaren Grenzen sind seine Wände. Sechs davon galten 2023 als überschritten (Richardson et al., Science Advances) — gegenüber dreien im Aufsatz von 2009. Die Liste dient als Dashboard des globalen Umweltzustands: Politik macht sie nicht von sich aus, aber sie beziffert in einer einzigen Bilanz, wie weit das Erdsystem aus der Holozän-Basislinie herausgedrückt worden ist.
Jede Grenze bestimmt eine Kontrollvariable und einen Wert, jenseits dessen der Planet die der Menschheit vertrauten Bedingungen verlässt. Wichtig: Gemeint sind globale Schwellen ganzer Erdsystemprozesse, keine örtlichen Schadstoffgrenzwerte — eine Region kann sauber dastehen, während die planetare Grenze längst überschritten ist, und umgekehrt. Die neun, mit dem Stand der Fortschreibung von 2023 und des Planetary Health Check 2025: (1) Klimawandel — Grenze 350 ppm CO₂ und +1 W/m² Strahlungsantrieb gegenüber vorindustriellem Niveau; überschritten (derzeit rund 420 ppm und rund +2,9 W/m²). (2) Integrität der Biosphäre — Grenze weniger als 10 ausgestorbene Arten je Million Arten und Jahr; überschritten (derzeit 100–1.000 E/MSY). (3) Biogeochemische Flüsse — Stickstofffluss rund 62 Mt/Jahr, Phosphor rund 6,2 Mt/Jahr; überschritten (derzeit rund 150 Mt N/Jahr und rund 14 Mt P/Jahr; Hauptquelle des Stickstoffs ist das Haber-Bosch-Verfahren). (4) Veränderung der Landsysteme — Grenze: global 75 % der ursprünglichen Waldbedeckung erhalten (85 % für tropische und boreale Wälder, 50 % für gemäßigte); überschritten (derzeit rund 62 %). (5) Veränderung des Süßwassers — 2023 neu gefasst in blaues Wasser (Flüsse, Seen, Grundwasser) und grünes Wasser (Bodenfeuchte); 2023 überschritten, in den früheren Fassungen nicht. (6) Ozeanversauerung — Grenze: Aragonit-Sättigungszustand bei 80 % des vorindustriellen Werts; 2025 überschritten, als siebte der neun Grenzen. (7) Atmosphärische Aerosolbelastung — in Südasien und China örtlich überschritten, eine operationalisierte globale Grenze fehlt. (8) Neuartige Substanzen — synthetische Chemikalien, Kunststoffe, antibiotische Verbindungen; 2022 überschritten (Persson et al.). (9) Abbau der stratosphärischen Ozonschicht — innerhalb der Grenze; die Erholung läuft unter dem Montrealer Protokoll von 1987 — die eine saubere Erfolgsgeschichte des Konzepts. Keine dieser Grenzen ist als Abbruchkante gezeichnet, sondern mit einer Unsicherheitszone dahinter: Die Gefahr steigt, der genaue Schwellenwert bleibt unbekannt. Deshalb ist die Zahl der überschrittenen Grenzen über die Fortschreibungen hinweg immer wieder nachgeschärft worden, statt sich auf einen festen Wert einzupendeln — mit besseren Messungen und schärfer gefassten Definitionen.