Das Mogulreich
1526 fiel Babur, in dem sich die Linien Dschingis Khans und Timurs kreuzten, mit vielleicht 12.000 Mann und einem kleinen Artillerietross in Nordindien ein. In der Ersten Schlacht von Panipat zerschlugen seine Feldgeschütze und seine straff geführte Reiterei das weit größere Heer des Sultans von Delhi. Die Dynastie, die er damit begründete — die Moguln —, beherrschte in den folgenden zwei Jahrhunderten große Teile des indischen Subkontinents und erreichte unter Aurangzeb ihre größte territoriale Ausdehnung. Eine einflussreiche Rückrechnung setzt Indiens Anteil an der Weltproduktion um 1700 auf etwa 24 Prozent; die unsichere Schätzung misst jedoch weder die Staatseinnahmen des Mogulreichs noch den Lebensstandard seiner Bevölkerung. Baumwollstoffe aus verschiedenen indischen Regionen wurden bis nach Afrika, Europa und in weite Teile Asiens gehandelt.
Das Mogulreich ist der Musterfall einer fremden muslimischen Dynastie, die eine hinduistische Mehrheit regiert — und die das, solange es gut ging, mit strategischem Entgegenkommen tat und nicht mit Zwang. Akbar (reg. 1556–1605), der dritte und wohl folgenreichste Herrscher, hob die Dschizya für Nichtmuslime auf, heiratete Rajputenprinzessinnen und holte deren Verwandtschaft in den Hochadel; mit der Mansabdari-Rangordnung, deren Amtsträger aus zugewiesenen Bodeneinkünften besoldet wurden, schuf er eine Verwaltung, in der man nach Leistung aufstieg und die eine höchst gemischte Elite an den Thron band. In seinem Haus der Anbetung ließ er Muslime, Hindus, Jainas, Christen und Zoroastrier miteinander streiten, und mit dem Göttlichen Glauben (Din-i Ilahi) versuchte er eine überkonfessionelle, auf den Herrscher zentrierte Religion zu stiften. Unter seinen Nachfolgern entstanden das Taj Mahal — Schah Jahans Grabmal für Mumtaz Mahal —, das Rote Fort und eine persisch geprägte Hofkultur, in der Persisches, Türkisches und Indisches zu etwas zusammenwuchs, das weder rein persisch noch rein indisch war; auch die Sprache Urdu gehört dazu. Der Niedergang setzte unter Aurangzeb (reg. 1658–1707) ein: Er führte die Dschizya wieder ein, nahm Akbars Duldungspolitik zurück und trieb das Reich in jahrzehntelangen, ruinösen Kriegen im Dekkan gegen den erstarkenden hinduistischen Bund der Marathen auf seine größte Ausdehnung — Kriege, die die Staatskasse leerten, das Heer aufrieben und das Reich politisch zersplittert zurückließen. Nach seinem Tod machten sich Provinzgouverneure und Marathen faktisch selbständig; 1739 plünderte der persische Eroberer Nader Schah Delhi und nahm den Pfauenthron mit. Als die britische Ostindien-Kompanie 1757 bei Plassey gewann, war der Großmogul eine Galionsfigur in einem Delhi, das andere in der Hand hatten.