Der moderne Nationalstaat
Nation und Staat sind zweierlei. Ein Staat ist das gebietsgebundene Monopol legitimer Gewalt; eine Nation ist eine Gemeinschaft von Menschen, die sich vorstellen, Kultur, Sprache, Geschichte und politisches Schicksal miteinander zu teilen. Sauber zusammen fallen die beiden selten: Das Habsburgerreich und das Osmanische Reich waren Staaten ohne Nation, die Deutschsprachigen um 1800 eine Nation, verteilt auf Hunderte von Kleinstaaten. Der Nationalstaat — die Behauptung, dass ein Staat seine Legitimität daraus zieht, mit einer einzigen Nation zusammenzufallen — wurde nicht an einem Ort oder in einem Jahrhundert erfunden. Er gewann Gestalt durch die Revolutionen in Amerika und Frankreich, die Massenpolitik des 19. Jahrhunderts, Reichsreformen und -zusammenbrüche, Einigungsbewegungen und antikoloniale Kämpfe — und ist in zwei Jahrhunderten zur einzigen Form politischer Organisation geworden, der das Völkerrecht volle Legitimität zuspricht.
Die kanonische Analyse ist Benedict Andersons Imagined Communities von 1983. „Vorgestellt“ sind Nationen, weil kein Mitglied den meisten anderen jemals begegnet und sich dennoch mit ihnen solidarisch fühlt; „Gemeinschaften“, weil die vorgestellte Beziehung horizontal verläuft, kameradschaftlich, etwas, für das man zu sterben bereit ist — auch wenn die wirklichen Gesellschaften von krassen Ungleichheiten durchzogen bleiben. Entscheidend ist außerdem: Die Nation wird als begrenzt vorgestellt — sie hat Grenzen, hinter denen andere Nationen liegen — und als souverän, sie kennt keine höhere dynastische oder religiöse Instanz. Darum konnte sie erst entstehen, nachdem das Gottesgnadentum und die universale Kirche ihren Griff verloren hatten. Möglich machten Nationen der Druckkapitalismus (Zeitungen und Romane in den Volkssprachen, die Fremden ein gleichzeitiges nationales „Wir“ in derselben „homogenen, leeren Zeit“ vorstellbar machten), die Massenschulbildung (die einen Dialekt zur Nationalsprache normierte und patriotische Erzählungen einübte), die allgemeine Wehrpflicht (die Bevölkerungen aus verschiedenen Regionen mischte und national fühlen ließ) und der wachsende Zugriff des Staates im neunzehnten Jahrhundert auf den Alltag: Post, Volkszählung, Ausweispapiere, einheitliche Zeit und Währung. Krieg, Niederlage, Revolution und Nationalbewegungen zerbrachen 1917/18 vier europäische Reiche. Woodrow Wilson berief sich 1919 in Paris auf „Selbstbestimmung“, doch die Friedensordnung setzte sie selektiv um: Neue Grenzen schufen neue Minderheiten, Mandatsgebiete hielten ehemalige deutsche und osmanische Territorien unter fremder Herrschaft. Die Entkolonialisierungswelle nach 1945 machte den Nationalstaat zum weltweiten Normalfall, selbst dort, wo die „Nation“ wie in Afrika erst nach dem Staat erfunden werden musste. Und doch sind die Vereinten Nationen in Wahrheit vereinte Nationalstaaten; für Nationen ohne Staat — Kurden, Tibeter, Palästinenser, Uiguren — und für Staaten, die mehrere Nationen umfassen — jeder ehemalige Kolonialstaat Afrikas, die europäischen Imperien —, hat das System keinen förmlichen Ort.