Zwischen 1848 und 1870 wurde die italienische Halbinsel — seit dem Untergang Roms zerteilt zwischen österreichisch beherrschten Herzogtümern, dem Kirchenstaat und dem Königreich beider Sizilien — zu einem einzigen Nationalstaat unter dem Haus Savoyen vereinigt. Die Einigung kostete drei Kriege, einen außergewöhnlichen irregulären Feldzug Giuseppe Garibaldis mit seinen tausend rothemdigen Freiwilligen sowie das diplomatische Geschick Camillo Benso di Cavours, des piemontesischen Ministerpräsidenten, der ein Bündnis mit Napoleon III. schmiedete, Österreich 1859 in den Krieg trieb und Nizza und Savoyen an Frankreich abtrat, um im Norden freie Hand zu haben. „Wir haben Italien gemacht; nun müssen wir Italiener machen“, soll Massimo d'Azeglio gesagt haben — und das zweite Vorhaben hat sehr viel länger gedauert als das erste.
Das Risorgimento war der Musterfall, in dem romantischer Nationalismus auf kühle Staatskunst traf. Die romantische Seite — Mazzinis republikanisches Giovine Italia, die geheimen Carbonari-Logen, Garibaldis improvisierte Guerillaführung, der Mythos einer einst großen, nun wiedererwachenden Nation — lieferte die Ideologie. Die kühle Seite — Cavours Manöver um französische Unterstützung, die sorgfältige Abfolge der Kriege gegen Österreich, die Einverleibung von Garibaldis Eroberungen im Süden durch den piemontesischen Staat — lieferte die Durchführung. Cavours Methode war diplomatische Ingenieurskunst: beim Treffen von Plombières 1858 sicherte er sich Napoleons III. Heer im Tausch gegen Savoyen und Nizza, manövrierte Österreich 1859 in die Kriegserklärung; die Siege bei Magenta und Solferino brachten die Lombardei, und manipulierte Volksabstimmungen schlugen die mittelitalienischen Herzogtümer Piemont zu. Als Garibaldis Zug der Tausend 1860 das Königreich der Bourbonen in Sizilien und Neapel stürzte, schickte Cavour eilig piemontesische Truppen nach Süden, damit der Süden einer Monarchie und keiner Republik beitrat; Garibaldi übergab seine Eroberungen König Viktor Emanuel II. bei Teano und zog sich auf seinen Inselhof zurück. Heraus kam ein Staat mit gravierender regionaler Ungleichheit (industrieller Norden, agrarischer Süden), schwachen nationalen Institutionen, die man schlicht durch Ausdehnung des piemontesischen Rechts auf die ganze Halbinsel schuf, und einer Kluft zwischen katholischer Identität und säkularem Staat — der 1870 um Rom gebrachte Papst erklärte sich zum „Gefangenen im Vatikan“ und untersagte den Katholiken die Teilnahme an nationalen Wahlen, bis die Lateranverträge von 1929 den Riss entschärften. Ein von fernen Norditalienern besteuerter und ausgehobener bäuerlicher Süden antwortete mit einem Jahrzehnt bewaffneten Aufruhrs, den der Staat als bloßes „Brigantentum“ abtat. Italien trat als Parvenü-Großmacht ins zwanzigste Jahrhundert ein — und lieferte 1922, frustriert über die Langsamkeit der liberalen Demokratie, Mussolini die Vorlage für den Faschismus.
Italiens wiederkehrende politische Funktionsschwäche — kurzlebige Regierungen, regionale Gefälle, populistische Wellen — ist zum Teil die lange Nachwirkung einer unvollendeten Einigung. Der Nord-Süd-Gegensatz, das anhaltende Gefälle bei Einkommen und öffentlicher Daseinsvorsorge, die sezessionistische Rhetorik der Lega, die chronische Schwäche des italienischen Staates gegenüber der Mafia in Regionen, die er nie vollständig integriert hat — all das sind Probleme aus dem neunzehnten Jahrhundert, die das Risorgimento nicht gelöst hat. Schon die Formel „Italiener machen“ kehrt wieder, sooft man fragt, warum nationale Loyalität so oft gegen den campanile verliert, den heimatlichen Kirchturm, um den sich ältere, lokalere Bindungen bis heute scharen.