Die Bibliothek · Geschichte & GeopolitikTafel № 180 · Folio VIII
ILL. № 180
GESCH
Plate — Die italienische Renaissance

Die italienische Renaissance

Was als bewusste Rückkehr zur Antike gemeint war, erwies sich als Sprung nach vorn — die Italiener stellten nichts wieder her, sie setzten neu zusammen.
Der Beitrag

Zwischen etwa 1400 und 1600 kam aus einer Handvoll oberitalienischer Städte — Florenz, Venedig, Mailand, Rom —, aus ein paar tausend Menschen also, unverhältnismäßig viel von dem, was die bildende Kunst, das politische Denken, die wissenschaftliche Beobachtung und die Literatur des folgenden halben Jahrtausends ausmachen sollte. Brunelleschis Kuppel, 1436 ohne Lehrgerüst über den Florentiner Dom gespannt. Leonardos Notizbücher. Michelangelos Sixtinische Decke. Machiavellis Fürst. Dahinter die Medici-Bank, die das alles bezahlte. Vesal, der den menschlichen Körper sezierte, während die Kirche wegsah. Kopernikus, geschult an den italienischen Universitäten in Bologna und Padua, der sein heliozentrisches Weltbild dann im fernen Preußen zu Papier brachte. Landläufig heißt das eine Wiedergeburt der Antike. Die Sache ist interessanter und auch nützlicher, denn wiedergewonnen wurde da gar nichts.

Wiedergewonnene antike Gelehrsamkeit lag bereit — vieles davon über arabische Vermittler überliefert, und der Zustrom verstärkte sich nach 1453, als griechische Gelehrte vor dem Fall Konstantinopels flohen und Handschriften mitbrachten, die das lateinische Europa nie gesehen hatte. Dazu die eingespielte Bürgerkultur unabhängiger Stadtstaaten, der Reichtum des Mittelmeerhandels, das handwerkliche Selbstbewusstsein des späten Mittelalters, die frische Druckpresse. Die Leistung der Italiener bestand darin, all das zu verbinden. Heraus kam keine Rückkehr zur Antike, sondern eine neue Synthese, die sich selbst, mit landesüblichem Selbstbewusstsein, für eine Rückkehr zur Antike hielt. Sie stiftete die moderne Vorstellung vom Künstler: signierte Werke, das einzelne Genie, die 1435 von Alberti kodifizierte Zentralperspektive. Sie stiftete die moderne Vorstellung vom Diplomaten: ständige Gesandtschaften, Gleichgewicht der Mächte, unter den italienischen Staaten erprobt und von dort nach ganz Europa ausgeführt. Und sie stiftete die moderne Vorstellung von weltlicher bürgerlicher Leistung — die Überzeugung, dass menschliches Können in dieser Welt ernsthafte Pflege verdient und nicht bloß geduldiges Ausharren bis zur nächsten. Das Geld wog dabei so schwer wie die Handschriften: Florentiner Vermögen aus Wolle und Bankgeschäft, dazu die Rivalität der Mäzene — die Medici gegen die Päpste, die einander Michelangelo und Raffael abwarben — machten aus Kultur einen Statuswettbewerb, der den Preis des Genies nach oben trieb. Die politische Unruhe der Halbinsel — dauernd zerstrittene Stadtstaaten, nach dem französischen Einfall von 1494 überrannt und mit dem Sacco di Roma 1527 gebrochen — war zugleich der Motor der Blüte und ihr Ende. Um 1600 lag der Schwerpunkt im Norden, bei den Atlantikmächten, die bei den Italienern in die Lehre gegangen waren.

Warum jetztDie Renaissance ist der Musterfall schöpferischer Ballung — eng begrenzte Orte, die einen unverhältnismäßig großen kulturellen Ertrag abwerfen. Jede heutige Überlegung zum Silicon Valley, zur Frage, warum Szenen entstehen, warum manche Orte eine ganze Generation von Erneuerern hervorbringen und andere keine einzige, landet am Ende bei derselben Frage: Was war an Florenz um 1450 anders? Die Antwortkandidaten — dichte Netze, konkurrierende Mäzene, Duldung des Eigensinns, Geld, das dem Ansehen nachläuft — sind noch immer die Größen, über die gestritten wird, wenn jemand die nächste Ballung von Genie erklären oder gleich herstellen will.