Die Bibliothek · Geschichte & GeopolitikTafel № 156 · Folio VIII
ILL. № 156
GESCH
Plate — Die Blütezeit des Islam

Die Blütezeit des Islam

Was Griechenland, Indien und Persien gedacht hatten, übersetzte Bagdads Haus der Weisheit — und legte die Algebra dazu.
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Der Beitrag

Zwischen etwa 750 und 1258 n. Chr., als das lateinische Europa den größten Teil seiner eigenen Antike nicht mehr lesen konnte, lag der Mittelpunkt der Gelehrsamkeit in der islamischen Welt. Am Bagdader Haus der Weisheit, gefördert von den abbasidischen Kalifen al-Mansur, Harun ar-Raschid und al-Ma'mun, lief über Generationen eine staatlich bezahlte Übersetzungsbewegung: griechische, persische, indische und syrische Texte ins Arabische — und danach wurde weitergedacht. Die Kalifenbibliothek von Córdoba soll 400.000 Bände besessen haben, während die größte christliche Bibliothek Europas es auf vielleicht 600 brachte; Córdoba hatte gepflasterte, nachts beleuchtete Straßen, als Paris noch im Schlamm lag. Kairo, Damaskus, Buchara und Samarkand waren je auf ihrem Höhepunkt geistige Hauptstädte und zogen Gelehrte aus drei Erdteilen an.

Die Errungenschaften der islamischen Blütezeit werden im Westen gern aufgezählt und ebenso gern wieder vergessen. Die Algebra — das Wort ist arabisch, al-dschabr, „das Zusammenfügen zerbrochener Teile“ — systematisierte um 820 al-Chwarizmi am Hof al-Ma'muns; sein latinisierter Name steckt bis heute im Wort Algorithmus. Das dezimale Stellenwertsystem samt den aus Indien übernommenen Ziffern und der entscheidenden Null erreichte Europa über arabische Mathematiker — deshalb heißen die Ziffern bei uns arabische. Die Optik stellte Ibn al-Haitham im Kairo des 11. Jahrhunderts auf experimentelle Füße, sechshundert Jahre vor Newton: kontrollierte Versuche mit Licht, Linsen und Camera obscura, dazu die Forderung, eine Behauptung sei zu prüfen und nicht bloß zu erschließen. Medizin: Avicennas Kanon der Medizin, um 1025 geschrieben, blieb bis ins 17. Jahrhundert das Standardlehrbuch der europäischen Universitäten; ar-Razi hatte hundert Jahre früher bereits Pocken und Masern voneinander unterschieden. Philosophie: Averroes' Aristoteleskommentare wogen unter den Scholastikern so schwer, dass die Zeitgenossen des Aquinaten ihn einfach den Kommentator nannten. Das Astrolabium, Grundlage der Navigation in der Renaissance, ist eine arabische Verfeinerung; Zenit, Nadir, Algebra und Alchemie sind Lehnwörter aus dem Arabischen, ebenso Zucker, Baumwolle und Scheck. Das meiste, was die europäische Renaissance überhaupt erst möglich machte, war Material, das arabische Gelehrte bewahrt, übersetzt, erweitert und dann im 12. Jahrhundert über die Übersetzerschule von Toledo und das normannische Sizilien nach Westen weitergegeben haben — vielfach über jüdische Vermittler, die in beiden Welten zu Hause waren. Das Ende kam 1258 mit der Plünderung Bagdads durch die Mongolen, als die Bibliotheken den Tigris angeblich schwarz von Tinte färbten.

Warum jetztDie westliche Erzählung von der ungebrochenen Linie von Athen über Florenz zur Royal Society lässt die Araber systematisch aus und springt von den Griechen direkt zu den Italienern, als sei dazwischen nichts gewesen. Dass diese Geschichte im 21. Jahrhundert zurückgeholt wird — in der Forschung, in Ausstellungen und im umstrittenen Selbstbild der arabischen Welt —, ändert etwas daran, wie die globale Geschichte der Wissenschaft erzählt wird und wem darin Anerkennung zusteht. Und sie verträgt sich schlecht mit jeder schlichten Behauptung, wissenschaftlicher Fortschritt sei das Eigentum einer einzigen Zivilisation und nicht ein Staffellauf zwischen vielen.