Das Integral
- The signed area under a curvenoch nicht geprüft
- The integral as a limit of Riemann sumsnoch nicht geprüft
- The indefinite integral as antiderivativenoch nicht geprüft
- Integration and differentiation as inversesnoch nicht geprüft
Im dritten Jahrhundert v. Chr. bestimmte Archimedes die Fläche eines Parabelsegments, indem er es mit einbeschriebenen Dreiecken ausschöpfte: Er summierte deren Flächen und zeigte, dass die Summe der wahren Fläche beliebig nahekommt, wenn die Dreiecke nur klein genug werden. Der Sache nach war das Integration — allein die Notation fehlte. Zweitausend Jahre später vollendeten Newton und Leibniz das Bild: Integrieren und Differenzieren sind zueinander inverse Operationen, verklammert durch das, was heute Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung heißt. Die Entdeckung war folgenreich genug, um ihren Urhebern einen Prioritätsstreit von einem Jahrhundert einzutragen. Wie auch immer sie in die Welt kam: Das Ergebnis ist der zweite der beiden Motoren der modernen Mathematik — derjenige, der aufsummiert, was die Ableitung zerlegt.
Das Integral lässt sich auf zwei Weisen lesen, die einander ergänzen. Das Riemann-Integral erklärt ∫ₐᵇ ƒ(x) dx als Grenzwert von Summen: Man zerlegt [a,b] in viele kleine Teilintervalle, bildet für jedes das Produkt aus Intervallbreite und einem Funktionswert irgendwo darin, summiert alles auf — und lässt die Zerlegung beliebig fein werden. Existiert dieser Grenzwert, und hängt er nicht davon ab, welche Funktionswerte man herausgreift, dann heißt die Funktion Riemann-integrierbar, und der Grenzwert ist ihr bestimmtes Integral: eine einzelne Zahl, der orientierte Flächeninhalt zwischen Kurve und x-Achse. Die Stammfunktion liest dasselbe Zeichen von der anderen Seite her: Ein unbestimmtes Integral ∫ ƒ(x) dx ist jede Funktion, deren Ableitung ƒ ist. Der Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung fügt beide Lesarten zusammen: ∫ₐᵇ ƒ(x) dx = F(b) − F(a), mit einer beliebigen Stammfunktion F von ƒ. Der Satz hat etwas beinahe Magisches: eine Fläche, aufgebaut aus unendlich vielen infinitesimalen Stücken — und um sie zu berechnen, genügt es, eine verwandte Funktion an zwei Stellen auszuwerten. Jenseits von Riemann steht das Lebesgue-Integral (1902). Es wird mit erheblich wilderen Funktionen fertig, weil es die Summation umbaut: Zerlegt wird nicht der Definitionsbereich, sondern der Wertebereich — gefragt wird, wie viel vom Definitionsbereich in jede Werteschicht fällt. Von dort führt der Weg in die Maßtheorie, das Fundament der modernen Wahrscheinlichkeitsrechnung: Das Integral über ein Wahrscheinlichkeitsmaß ist der Erwartungswert einer Zufallsvariablen. Die Eigenschaften des Integrals — Linearität, Monotonie, die Substitutionsregel — sind das tägliche Handwerkszeug jeder angewandten Wissenschaft.