Die Indus-Kultur
Zwischen etwa 2600 und 1900 v. Chr. blühte am Indus und seinen Nebenflüssen eine Zivilisation, deren Gebiet größer war als Ägypten und Mesopotamien zusammen: Städte von vielleicht 60.000 Einwohnern, einheitliche Maße und Gewichte, eine weit entwickelte Abwasserführung — und eine Schrift, die bis heute niemand lesen kann. Mohenjo-Daro und Harappa, die beiden größten Fundorte, liegen im rechtwinkligen Raster, mit abgedeckten Rinnen längs ziegelgefasster Straßen, mit öffentlichen Bädern und Kornspeichern, und auffälligerweise ohne Königspaläste, ohne kenntliche Tempel, ohne monumentale Kriegerkunst. Die Häuser aus gebranntem Ziegel gleichen einander in Maß und Ausführung so sehr, dass das Ganze aus der Luft weniger nach Königreich aussieht als nach dem Beschluss eines sehr großen Ausschusses. Wer diese Städte lenkte, hat darauf verzichtet, sich in Stein zu feiern — und genau deshalb hat die Indus-Kultur in unseren Geschichtsbüchern beinahe kein Gesicht.
Ein größeres ungelöstes Rätsel kennt die frühe Urbanisierung nicht. Handel mit Mesopotamien ist belegt — die Inschriften Sargons von Akkad erwähnen Schiffe aus Meluhha, mit ziemlicher Sicherheit dem Industal. Es gab ein ausdifferenziertes Handwerk: Karneolperlen, Kupfer, Baumwolle, die früheste angebaute der Welt, und Ziegel, die über tausend Kilometer hinweg im Verhältnis 1:2:4 geschnitten wurden. Erhalten sind tausende beschriftete Siegel aus Steatit, rund 4.000 an der Zahl — aber die Inschriften kommen im Schnitt auf fünf Zeichen, die Sprache ist unbekannt, und der Bestand dürfte schlicht zu klein und zu knapp sein, um je geknackt zu werden; ein zweisprachiger Stein von Rosetta ist nirgends in Sicht. Um 1900 v. Chr. wurden die Städte nach und nach geräumt. Woran es lag, ist umstritten: ein schwächer werdender Sommermonsun, das Austrocknen und Verlagern des Ghaggar-Hakra-Systems, klimatischer Druck, der die Menschen ostwärts an den Ganges trieb, womöglich zuwandernde Sprecher indoarischer Sprachen. Einen klaren Nachfolger hat die Kultur nicht hinterlassen, überlieferte Texte auch nicht und keinen Namen, unter dem sie sich selbst erinnerte. Wie sie ihre Könige nannte, wissen wir nicht — und ob sie, wo die Paläste fehlen, überhaupt welche hatte.