Am Abend des 9. November 1989 verkündete ein Sprecher der SED auf einer Routine-Pressekonferenz, durch die Antworten stammelnd, irrtümlich, dass Reisebeschränkungen nach West-Berlin sofort aufgehoben seien. Berlinerinnen und Berliner auf beiden Seiten der Mauer hörten ihn im Fernsehen, gingen zu den Kontrollpunkten und verlangten, durchgelassen zu werden. Die Grenzposten, ohne Befehle und ohne zu wissen, was zu tun war, öffneten schließlich die Schlagbäume. Am Morgen standen Bürgerinnen und Bürger mit Hämmern oben auf der Mauer und trugen sie Stück für Stück ab.
Der Mauerfall war der sichtbare Moment eines Prozesses, der seit Jahren an Tempo gewonnen hatte und sich danach weiter beschleunigen sollte. Binnen eines Jahres war jedes kommunistische Regime in Osteuropa gestürzt — die meisten friedlich, nur Rumänien blutig. Binnen zwei Jahren löste sich auch die Sowjetunion auf, per Unterschrift, ohne Krieg. Deutschland war binnen elf Monaten wiedervereinigt. Der Warschauer Pakt wurde aufgelöst. Die NATO verzichtete nicht, wie es Gorbatschow zu erwarten gegeben worden war, auf eine Osterweiterung; sie tat das Gegenteil. Die Vereinigten Staaten waren kurzzeitig die einzig verbliebene Supermacht und verkündeten — mit der ihnen eigenen Selbstgewissheit —, die liberale Demokratie sei das Ende der Geschichte. Nichts davon hatten die westlichen Geheimdienste vorhergesehen, die den Kalten Krieg hindurch danach Ausschau gehalten hatten.
Wir erleben die Auflösung der Ordnung nach 1989. Russlands Invasion in die Ukraine, Chinas Herausforderung der amerikanischen Vormacht, der Aufstieg illiberaler Demokratien in Ungarn und anderswo — jedes ist auf seine Weise eine Neuverhandlung der Bedingungen, die in der Nacht des 9. November 1989 gesetzt wurden. Der „unipolare Moment“ hielt etwa dreißig Jahre.