Die Englische Schule
Zwischen etwa 1950 und 1980 entwickelte eine Gruppe von Theoretikern um das British Committee on the Theory of International Politics — Hedley Bull, Martin Wight, Adam Watson und andere, mehrere von ihnen an der London School of Economics — eine Zwischenposition zwischen Realismus und liberalem Institutionalismus. Erst später erhielt diese Tradition den Namen Englische Schule; ihr Leitbegriff war die internationale Gesellschaft: ein Staatensystem, das genug gemeinsame Interessen, Regeln und Institutionen teilt, um mehr zu sein als ein hobbesscher Dschungel, aber nicht so geeint ist, dass daraus ein Weltstaat würde. Ihr Temperament war historisch, nicht formal-modellierend: Sie las das europäische Staatensystem als eine Zivilisation von Jahrhunderten, die ihren Mitgliedern nach und nach das Zusammenleben beigebracht hat. Die internationale Gesellschaft liegt zwischen Dschungel und Weltstaat — eine halbfertige Zivilisation.
Der analytische Kniff der Englischen Schule bestand darin, internationale Institutionen ernst zu nehmen, ohne sie zu idealisieren. Bulls The Anarchical Society (1977) zeigt, dass Staaten auch ohne Weltregierung Ordnung halten, und zwar über fünf Grundinstitutionen: das Mächtegleichgewicht, das Völkerrecht, die Diplomatie, den Krieg als regelndes Instrument und die Großmächte. Diese Institutionen arbeiten unvollkommen, werden oft verletzt und sind über Jahrhunderte gewachsen — von den ständigen Gesandtschaften des Renaissance-Italiens bis zum Kongresssystem nach 1815 —, aber es gibt sie, und sie machen das internationale Leben der Art nach verschieden von blanker Anarchie. Die Schule unterscheidet die pluralistische internationale Gesellschaft, in der man sich nur auf Mindestregeln des Nebeneinanders einigt — Souveränität, Nichteinmischung, Diplomatie —, von der solidaristischen, in der man sich auf inhaltliche Werte einigt: Menschenrechte, humanitäre Intervention, gemeinsame Regeln der Gerechtigkeit. Das System nach 1945 war überwiegend pluralistisch mit solidaristischem Anspruch; seinen Höchststand erreichte der Solidarismus in den 1990er-Jahren, mit den Ad-hoc-Tribunalen für Ruanda und Jugoslawien und dem Römischen Statut von 1998. Die lange Debatte über humanitäre Intervention, Schutzverantwortung und internationale Strafjustiz ist im Kern ein Streit darüber, wie viel Solidarismus das System trägt, bevor es den Konsens sprengt, der es zusammenhält.