Die Bibliothek · Geschichte & GeopolitikTafel № 215 · Folio VIII
ILL. № 215
GESCH
Plate — Die Encyclopédie

Die Encyclopédie

Diderots Vorhaben: jedes Handwerk, jede Wissenschaft verzeichnet und erschlossen — Wissen wird darin zur Sache des Bürgers.
Der Beitrag

Zwischen 1751 und 1772 legten zwei französische Herausgeber — Denis Diderot und Jean d'Alembert — siebzehn Foliobände Text und elf Bände Kupferstiche vor, 71.818 Artikel von mehr als 140 Mitarbeitern, mit dem ausdrücklich erklärten Ziel, das gesamte Wissen der Menschheit in einem zugänglichen Nachschlagewerk zu versammeln. Voltaire, Rousseau, Montesquieu und Quesnay schrieben mit; d'Alembert gab 1759 unter dem Druck auf und ließ Diderot dreizehn Jahre lang beinahe allein steuern. Die Encyclopédie wurde durch königliches Dekret verboten, in Rom auf den Index gesetzt, von den Kanzeln verdammt, ihr Druckprivileg widerrufen — und gilt in beinahe jeder Ideengeschichte als das erfolgreichste einzelne Unternehmen der Aufklärung.

Die Encyclopédie war mehr als ein Nachschlagewerk. Sie war, Stichwort für Stichwort, ein Argument: Das Wissen gehört der Menschheit und nicht den Autoritäten — nicht der Kirche, nicht der Krone, nicht den Zünften. Schon der Aufbau führte es: d'Alemberts Discours préliminaire ordnete alles Wissen unter Gedächtnis, Vernunft und Einbildungskraft, nicht unter die Theologie, die die Scholastik zur Königin der Wissenschaften erhoben hatte. Die Artikel über Religion stellten das Christentum vergleichend neben andere Glaubensformen. Die Artikel über Politik führten die Monarchie als eine Regierungsform unter mehreren. Die Artikel über das Handwerk zeigten Schritt für Schritt, wie ein Knopf oder ein Strumpf entsteht, und adelten die Handarbeit so, wie die Scholastik die Theologie geadelt hatte — ganz nach Diderots Überzeugung, die mechanischen Künste seien eine Gestalt der Vernunft. Querverweise, Diderots Geniestreich, dienten als verdeckte Waffen: Unter Anthropophages, den Menschenfressern, schickte ein Verweis den Leser zu Eucharistie und Kommunion; ein harmlos aussehendes Stichwort konnte unauffällig auf ein brandgefährliches zeigen. Um an der Zensur vorbeizukommen, steckte das Anstößigste in Artikeln mit langweiligen Titeln, in denen der censeur royal nicht nachschlug — und nach dem Verbot von 1759 strich der Drucker Le Breton die kühnsten Stellen der späten Bände heimlich heraus, ein Verrat, den Diderot erst nach dem Erscheinen bemerkte. Damit war das Werk eine Verteilmaschine für die Werte der Aufklärung: im Abonnement verkauft, in etwa viertausend Exemplaren verbreitet und von dort in bürgerliche und adlige Bibliotheken ganz Europas geschmuggelt, bis zu Katharina der Großen, die Diderots eigene Bibliothek kaufte und ihn dafür bezahlte, sie zu behalten.

Warum jetztWikipedia ist der unmittelbarste Nachfahre der Encyclopédie — dasselbe Modell verteilter Autorschaft, derselbe enzyklopädische Anspruch, dieselbe politische Rolle als Autorität ohne Amt. Die heutigen Debatten über Zuverlässigkeit, Neutralität und systematische Verzerrung sind genau die Debatten, die die Encyclopédie zu ihrer Zeit auslöste, als Kritiker fragten, wie ein Kreis von Männern, dem niemand Rechenschaft abverlangt, dazu komme, den Sinn jedes Wortes festzulegen. Beide setzen auf dieselbe Wette: dass verstreutes Laienwissen, offen anfechtbar, eine zentrale Expertenautorität schlägt, die sich der Prüfung entzieht. Mit mehr als einer Milliarde Geräten, die Monat für Monat darauf zugreifen, und Zitaten in Gerichtsurteilen ist die Wette weitgehend aufgegangen — auch wenn dieselben Werkzeuge inzwischen jene KI-Systeme trainieren, die das Nachschlagewerk am Ende ganz ersetzen könnten.