Die Ableitung
- Derivative as instantaneous slopenoch nicht geprüft
- Tangent line and zero slopenoch nicht geprüft
- Power, constant, and chain rulesnoch nicht geprüft
- Newton and Leibniz invent calculusnoch nicht geprüft
Die Ableitung wurde zweimal entdeckt, beinahe gleichzeitig — von zwei Männern, die einander für den Rest ihres Lebens des Diebstahls bezichtigen sollten. Isaac Newton fand sie um 1666, im Pestjahr, und nannte sie Fluxion: die Rate, mit der sich eine fließende Größe ändert. Gottfried Wilhelm Leibniz fand sie in den 1670er Jahren unabhängig davon, nannte sie Differential und stiftete die Schreibweise dy/dx samt dem Integralzeichen ∫ — beides bis heute in Gebrauch. Der Prioritätsstreit, der folgte, vergiftete die englische Mathematik für mehr als ein Jahrhundert: An Newtons Notation hielten seine Getreuen fest, mit der von Leibniz arbeitete der gesamte Kontinent — und die kontinentalen Mathematiker enteilten den Engländern. Den Streit gewann die Notation; die Politik gewann Newton.
Die Ableitung einer Funktion ƒ an der Stelle x misst, wie schnell sich ƒ dort ändert — geometrisch: die Steigung der Tangente an den Graphen in diesem Punkt. Formal ist sie der Grenzwert des Differenzenquotienten, ƒ′(x) = lim h→0 [ƒ(x+h) − ƒ(x)] / h, sofern dieser existiert. Wo das der Fall ist, heißt die Funktion differenzierbar; aus Differenzierbarkeit folgt Stetigkeit, umgekehrt gilt das nicht — eine stetige Funktion darf Ecken und Spitzen haben, an die sich keine Tangente legen lässt. Das Ableiten selbst wird mit etwas Übung zum Handwerk: die Potenzregel (d/dx von xⁿ ist n·xⁿ⁻¹), die Produktregel, die Quotientenregel und, folgenreicher als alles andere, die Kettenregel — die Ableitung einer Verkettung ƒ(g(x)) ist ƒ′(g(x)) · g′(x). Auf der Kettenregel ruht jede spätere Anwendung; sie ist buchstäblich der Algorithmus, den die Backpropagation durch ein neuronales Netz treibt. Die Ableitung liefert außerdem die lineare Näherung: Nahe jeder Stelle, an der ƒ differenzierbar ist, gilt ƒ(x + h) ≈ ƒ(x) + ƒ′(x)·h — das billigste Modell der Funktion und die Grundlage des Newton-Verfahrens, des Gradientenverfahrens und der Taylorreihe. Die zweite Ableitung misst die Krümmung; höhere Ableitungen erfassen immer feinere lokale Struktur. Und dass jedes Gesetz der Physik eine Differentialgleichung ist, hat einen tiefen Grund: Die Physik spielt sich fast durchweg im Lokalen ab — Kräfte, Felder, Flüsse und Reaktionsraten wirken in infinitesimalen Umgebungen, und die Ableitung ist genau die Sprache dafür, was in infinitesimalen Umgebungen vor sich geht.