In den 1990er Jahren tauchte in PET- und fMRT-Studien quer durch die Labore der Kognitionsneurowissenschaft immer wieder eine peinliche Anomalie auf. Sobald die Versuchspersonen sich auf eine Aufgabe konzentrierten, deaktivierte sich verlässlich ein bestimmtes Bündel von Hirnregionen gegenüber dem Ruhewert; sobald sie ohne Aufgabe im Scanner lagen, aktivierten sich genau dieselben Regionen. Das Muster war so beständig, dass es meist als Rauschen abgetan wurde — bis Marcus Raichle es 2001 Default-Mode-Netzwerk taufte. Das ruhende Gehirn war nicht still. Es war hochaktiv, brachte selbstbezogenes Denken, autobiographische Erinnerung, Vorausschau und den inneren Monolog selbst hervor. Der folgenreichste Einzelbefund der Kognitionsneurowissenschaft, nach dem niemand gesucht hatte, hatte sich zwei Jahrzehnte lang in den verworfenen Grundlinien jeder aufgabenbasierten Bildgebungsstudie versteckt.
Das Default-Mode-Netzwerk besteht aus wenigen kortikalen Knoten — medialer präfrontaler Kortex, posteriores Cingulum und Precuneus, die beiden Gyri angulares und mediotemporale Strukturen einschließlich des Hippocampus —, deren niederfrequente BOLD-Fluktuationen im Ruhezustand stark korrelieren und sich wieder entkoppeln, sobald die Aufmerksamkeit nach außen tritt. Es zählt zu mehreren in den 2000er Jahren identifizierten großräumigen Ruhezustandsnetzwerken; ungewöhnlich am DMN war, wie einheitlich seine funktionalen Inhalte ausfielen. Selbstbezogenes Denken, autobiographisches Gedächtnis, Theory of Mind, moralisches Urteilen, Vorausschau, Gedankenwandern, mentale Simulation — all das, was man tut, wenn man nichts Bestimmtes tut — beansprucht denselben Schaltkreis. Die von Schacter und Addis formulierte Hypothese der konstruktiven Simulation zieht daraus den weiteren Schluss: Das DMN ist der innere Szenariengenerator des Gehirns, der Vergangenes, Künftiges, Hypothetisches und fremde Geister mit derselben Maschinerie zusammensetzt. In dieser Lesart ist das DMN das Substrat des Selbst-als-Erzählung, das Menschen zu sein scheinen.
Das klinische Bild stützt die Deutung. Die Alzheimer-Krankheit greift DMN-Regionen früh und schwer an, mit Konnektivitätsveränderungen, die Jahre vor den Symptomen messbar sind, und einem Amyloid-Ablagerungsmuster, das die Topographie des Netzwerks beinahe exakt überlagert. Depression zeigt das umgekehrte Ungleichgewicht — DMN-Hyperaktivität und mangelhafte Unterdrückung bei externen Aufgaben, die neuronale Form des Grübelns. Schizophrenie und Autismus zeigen je eigene charakteristische DMN-Abweichungen, die sich plausibel auf das gestörte Selbsterleben und die atypische Theory-of-Mind-Verarbeitung der jeweiligen Störung abbilden lassen. Der eindrücklichste Befund stammt aus der Psychedelikaforschung: Robin Carhart-Harris und Kollegen zeigten 2012, dass Psilocybin die DMN-Konnektivität dosisabhängig akut unterdrückt und dass die Tiefe der von Probanden berichteten Ich-Auflösung mit der Tiefe dieser Suppression korreliert. Meditation bei erfahrenen Praktizierenden erzeugt eine mildere Variante desselben Effekts. Ein Netzwerk, vier oder fünf sehr unterschiedliche Wege, es zu stören, und eine bemerkenswert kohärente Abbildung zwischen Störung und Phänomenologie des Selbst.
Die DMN-Konnektivität ist heute der am breitesten eingesetzte Biomarker der Kognitionsneurowissenschaft und zunehmend auch der Psychiatrie. Der Verlauf der Alzheimer-Krankheit lässt sich Jahre im Voraus aus der DMN-Organisation vorhersagen, und die Amyloid-PET-Bildgebung — seit 2012 klinisch im Einsatz — bildet dasselbe regionale Muster ab. Die aktivste translationale Front bildet die psychedelisch assistierte Psychotherapie: Das mechanistische Leitmodell besagt, dass eine vorübergehende Störung des DMN ein Plastizitätsfenster öffnet, in dem zuvor starre selbstbezogene Muster (depressives Grübeln, Suchtverlangen, traumatische Identitätsnarrative) durch Therapie neu verankert werden können; große Studien am Imperial, an Johns Hopkins, bei MAPS und Compass Pathways befinden sich in den späten Phasen der Zulassungspipeline. Der Grundzustand des Gehirns — das Netzwerk, das aktiv ist, wenn keine Aufgabe ansteht — ist zwei Jahrzehnte nach seiner Benennung zum klinisch wie theoretisch folgenreichsten Befund der modernen Neurowissenschaft geworden.