Die Bibliothek · Geschichte & GeopolitikTafel № 306 · Folio VIII
ILL. № 306
GESCH
Plate — Die Kulturrevolution

Die Kulturrevolution

Ein Jahrzehnt, in dem Mao die Jungen gegen die Alten und das Land gegen sich selbst aufbrachte.
Der Beitrag

Von 1966 bis 1976 hetzte Mao Zedong Chinas Jugend gegen den eigenen Staat, gegen Partei, Schulen und Intellektuelle und gegen die vier Alten — alte Ideen, alte Kultur, alte Sitten, alte Gewohnheiten. Die Große Proletarische Kulturrevolution setzte Millionen Rote Garden in Bewegung, Schüler und Studenten mit Armbinde und Maos Kleinem Roten Buch, die Lehrer, Professoren, Funktionäre und die eigenen Eltern anprangerten, schlugen, demütigten und vielfach töteten. Konfuzianische Tempel wurden zertrümmert, Gelehrte mit Schandhüten durch die Straßen geführt, Familien zur Denunziation gezwungen. Mehr als eine Million Menschen kamen um, vielleicht mehrere Millionen; rund siebzehn Millionen Jugendliche aus den Städten wurden „aufs Land geschickt“, um dort zu arbeiten; die Schulbildung einer Generation wurde zerrissen. Der Staat griff sich selbst an, mit Absicht und nach Plan.

Maos Beweggründe mischten paranoide Ideologie mit kalkulierter Machtpolitik. Nach den Katastrophen des Großen Sprungs nach vorn (1958–61, vielleicht dreißig Millionen Hungertote) war er beiseitegeschoben, das Tagesgeschäft lag bei Pragmatikern wie Liu Shaoqi und Deng Xiaoping, und er hielt die Partei für auf dem Weg in eine bürokratische Erstarrung sowjetischer Art. Wenn er die Jugend gegen die Partei selbst in Bewegung setzte — gestützt auf seine Frau Jiang Qing, auf Verteidigungsminister Lin Biao und auf den Kult um die eigene Person —, konnte er in einem Zug seine Rivalen ausschalten, die eigene Autorität wiederherstellen und die Revolution neu radikalisieren. Die Ausführung geriet katastrophal zerstörerisch. Die Universitäten blieben ein Jahrzehnt geschlossen, die Hochschulaufnahmeprüfung von 1966 fiel ersatzlos aus. Bibliotheken, Tempel und Museen wurden geplündert, das Rechtswesen stellte die Arbeit faktisch ein. Liu Shaoqi, einst Maos designierter Nachfolger, starb 1969 in einer Gefängniszelle, man verweigerte ihm Medikamente; Deng wurde zweimal gestürzt, Peng Dehuai geschlagen und gebrochen. Zwischen den Gruppen der Roten Garden entstanden Fraktionskämpfe, die in Städten wie Wuhan bürgerkriegsähnliche Zustände erzeugten, bis die Armee die Ordnung wiederherstellen musste. Als Mao im September 1976 starb und einen Monat darauf die Viererbande verhaftet wurde, war das Land erschöpft und die Partei demoralisiert — und Dengs Reform und Öffnung von 1978 wurde politisch überhaupt erst möglich, weil kaum eine Fraktion wiederholen wollte, was gerade geschehen war.

Warum jetztDer offizielle Schlussstrich der Kommunistischen Partei — Dengs Kurzformel, Mao sei zu siebzig Prozent richtig und zu dreißig Prozent falsch gewesen, verbunden mit der Verurteilung der Kulturrevolution als „schwerer Fehler“ in der Resolution zur Parteigeschichte von 1981 — hält seit über vierzig Jahren und bleibt politisch tragend. Xi Jinpings Familie traf es persönlich: Sein Vater Xi Zhongxun wurde gesäubert, Xi selbst in ein Höhlendorf in Shaanxi geschickt. Die Machtkonzentration unter Xi seit 2012, seine Antikorruptionskampagnen und seine ideologischen Feldzüge werden genau darauf abgeklopft, ob sich darin Echos der Kulturrevolution zeigen. Der Gründungskonsens der Partei lautet, dieses Maß an innerer Gewalt dürfe sich nicht wiederholen — wie belastbar dieser Konsens ist, darüber gehen die Einschätzungen auseinander.