Die Bürgerrechtsbewegung
Zwischen etwa 1954 und 1968 zerlegte eine Koalition aus Schwarzen Kirchengemeinden, Bürgerrechtsanwälten, Studierenden, Journalisten und am Ende auch Bundesbehörden die rechtliche Architektur der Jim-Crow-Segregation im amerikanischen Süden. Brown v. Board (1954). Der Busboykott von Montgomery (1955/56), ausgelöst durch die Verhaftung von Rosa Parks und geführt von einem jungen Pastor namens Martin Luther King Jr. Die Sit-ins an den Imbisstheken von Greensboro (1960). Die Freedom Rides (1961). Birmingham (1963). Der Marsch auf Washington (1963). Der Civil Rights Act (1964). Selma und der Voting Rights Act (1965). Binnen fünfzehn Jahren war ein System, das seit dem Ende der Reconstruction in den 1870er-Jahren festsaß, rechtlich beseitigt — sein gesellschaftlicher Bodensatz zum großen Teil nicht.
Taktisch genial war der bewusste Einsatz moralischer Asymmetrie: Demonstranten, in gewaltfreier direkter Aktion geschult und in Workshops darauf gedrillt, einen Schlag einzustecken, ohne zurückzuschlagen, standen Wasserwerfern, Polizeihunden und Knüppeln gegenüber — vor laufenden Fernsehkameras. Die Bilder, die dabei entstanden — Bull Connor, Birminghams Sicherheitsdezernent, der 1963 die Schläuche auf Schulkinder richten ließ; Staatspolizisten, die am „Bloody Sunday“ 1965 auf der Edmund-Pettus-Brücke Marschierende zusammenschlugen —, erzeugten einen politischen Druck, den juristische Argumente allein nie zustande gebracht hatten. Organisatoren wählten Schauplätze und Zeitpunkte so, dass aus lokaler Brutalität ein nationales politisches Problem wurde, das erst Kennedy und dann Johnson unter Zugzwang setzte. Kings Letter from Birmingham Jail (1963) und seine Rede I Have a Dream sind die kanonischen Formulierungen, doch die Bewegung war breiter und umstrittener als die auf King zugeschnittene Schulbuchfassung: Die jungen Leute der SNCC, die im Freedom Summer die gefährlichen Wählerregistrierungen organisierten, gingen konfrontativer vor; die Anwälte der NAACP unter Thurgood Marshall setzten auf kleine Schritte; und die Nation of Islam und Malcolm X stellten dem gewaltfreien Integrationismus ausdrückliche Alternativen entgegen und bestanden auf Selbstverteidigung und Schwarzer Eigenständigkeit. Nach Kings Ermordung 1968 in Memphis zerfiel die Koalition entlang eben dieser Linien, und die Kämpfe im Norden um Wohnungen, Arbeit und Polizei erwiesen sich als weit zäher als die Segregationsgesetze des Südens. Die rechtlichen Erfolge waren echt und blieben. Die sozioökonomischen Gewinne blieben Stückwerk und ließen sich zurückdrehen: White Flight, Redlining, Masseninhaftierung, fortbestehende Lücken bei Bildung und Vermögen und die Aushöhlung des Voting Rights Act 2013 (Shelby County v. Holder) zeigen, wo rechtlicher Wandel ohne dauerhafte Durchsetzung endet.