Die Kanonfrage
- The canon as historically constructed, not self-evidentnoch nicht geprüft
- Criteria that describe the canon as much as justify itnoch nicht geprüft
- Great Books defense versus the too-narrow critiquenoch nicht geprüft
- The opaque recommender as new canon-makernoch nicht geprüft
Wer entscheidet, was als groß gilt? Über weite Strecken der europäischen Geistesgeschichte war die Antwort denen, die entschieden, weitgehend selbstverständlich: Homer, Vergil, Dante, Shakespeare, Rembrandt, Bach, Tolstoi wurden so breit verehrt, dass die Frage — warum diese und keine anderen? — kaum je auftauchte. Im späten 20. Jahrhundert zerfiel diese Selbstverständlichkeit. Feministische, postkoloniale und rassismuskritische Forschung hielt dagegen: Die scheinbare Neutralität des Kanons verdecke eine strukturell enge Auswahl europäischer, männlicher, christlicher Autoren; die Türhüter kämen aus denselben Milieus; und die Maßstäbe, mit denen Werke bewertet würden — Universalität, technische Meisterschaft, dauerhafter Ruhm —, seien selbst Erzeugnisse eben des Kanons, über den sie zu richten beanspruchten.
Die Kanonfrage ist im Kern eine Metafrage: Wie wird kultureller Wert hergestellt und in Geltung gehalten? Nicht, ob Shakespeare groß ist oder Beethoven tief — sondern wie Universitäten, Museen, Verlage, Preisjurys, Kritik und Bibliotheken gemeinsam eine Liste von Werken führen, die gelehrt, ausgestellt, aufgeführt, anthologisiert und erinnert werden, und wie diese Liste auch anders aussehen könnte. Historisch betrachtet ist der Kanon gemacht. Shakespeares Aufstieg zum zentralen englischen Autor ist zu großen Teilen ein Projekt des 18. und 19. Jahrhunderts — Garricks Wiederbelebung des Dramatikers auf der Bühne, das Stratford-Jubiläum von 1769, die Arbeit viktorianischer Kritiker und Herausgeber; Bachs zentrale Stellung beginnt mit Mendelssohns Wiederaufführung der Matthäus-Passion 1829; und der westliche Literaturkanon wurde großenteils erst im späten 19. Jahrhundert kodifiziert, im Dienst der Nationsbildung und der Etablierung der Literatur als Universitätsfach. Seine Auswahlkriterien — Universalität, psychologische Tiefe, technische Innovation, moralischer Ernst — beschreiben den Kanon mindestens so sehr, wie sie ihn begründen; Werke, die an diesen Maßstäben scheitern und nach anderen bestehen — Gemeinschaft stiften, Ritual tragen, mündlich weiterleben —, werden systematisch unterschätzt.
Daraus ergeben sich zwei ineinander verschränkte Positionen. Die Verteidigung der Großen Bücher — Allan Bloom in The Closing of the American Mind, Harold Bloom in The Western Canon — hält daran fest, die kanonisierten Werke seien objektiv so herausragend, dass ihre zentrale Stellung gerechtfertigt bleibe; eine Erweiterung aus demografischen Gründen drohe ästhetische Kriterien durch politische zu ersetzen. Die Gegenposition vom zu engen Kanon — Toni Morrison, Edward Said, Stuart Hall, Henry Louis Gates Jr. — hält dagegen, demografische Repräsentation sei selbst ästhetisch relevant — Werke, die die Erfahrungen unterrepräsentierter Gruppen verarbeiten, brächten Einsichten mit, die homogenen Kanones fehlen —, und der Universalitätsanspruch des Kanons verdecke oft Provinzialität. Die meisten Kompromisse, mit denen sich arbeiten lässt, liegen dazwischen: erweitern statt ersetzen, in parallele Kanones dezentralisieren, die Geschichte der Auswahl neben den Werken selbst unterrichten. Auflösen lässt sich die Debatte strukturell nicht — ein neutrales, unpolitisches Auswahlkriterium für einen Kanon existiert nicht.