Die Bibliothek · Geschichte & GeopolitikTafel № 251 · Folio VIII
ILL. № 251
GESCH
Plate — Britisch-Indien

Britisch-Indien

Dreihundert Millionen Menschen, beherrscht von einigen Tausend: Der Raj war ein Kunststück aus Eisenbahn und Rassismus.
Der Beitrag

Von 1858 bis 1947, neunundachtzig Jahre lang, regierte die britische Krone Indien unmittelbar: rund dreihundert Millionen Untertanen, ein Fünftel der damaligen Menschheit, verwaltet von etwa tausend britischen Beamten des elitären Indian Civil Service und einem Heer, das außer im Offizierskorps fast ausschließlich indisch war. Kein Reich der Neuzeit hat eine so große Bevölkerung mit so kleinem Verwaltungsapparat beherrscht — und gelingen konnte das nur, weil der Raj indische Eliten für sich einnahm, Gemeinschaften gegeneinander in Stellung brachte und im letzten Grund auf einer glaubhaften Gewaltdrohung ruhte. Was daran zu lernen ist — über Ausbeutung, Mittäterschaft, indirekte Herrschaft und die Politik der Legitimität —, ist bis heute nicht abgearbeitet.

Die Briten kamen nicht nach Indien, um zu herrschen, sondern um zu handeln. Die 1600 gegründete Britische Ostindien-Kompanie wuchs im 18. Jahrhundert zu einem militärisch-kommerziellen Gebilde heran, das die Autorität der Moguln durch Bündnis, Intrige und Krieg Stück für Stück verdrängte — der Sieg bei Plassey 1757 brachte ihr Bengalen — und die eroberten Provinzen als gewinnorientiertes Unternehmen mit eigener Privatarmee führte. Sie regierte bis zum Aufstand von 1857, den Klagen der Sepoys über mit Tierfett gefettete Gewehrpatronen entzündeten und der zu einer subkontinentweiten Erhebung anwuchs, die in Delhi kurz noch einmal den letzten Mogul auf den Thron setzte; danach griff der erschrockene britische Staat unmittelbar zu. Der Raj verband direkte Herrschaft in Bengalen, Bombay und Madras mit indirekter Herrschaft über rund 565 Fürstenstaaten, deren Maharadschas ihre innere Souveränität behielten und dafür die britische Oberhoheit anerkannten; dazu kam eine planmäßige Einteilung nach Konfession — getrennte muslimische Wahlkörper ab 1909, Kategorien der Volkszählung, die bis dahin fließende Zugehörigkeiten hart machten —, die mögliche Gegnerschaft aufspaltete. Der Raj baute Eisenbahnen, 1947 das viertgrößte Netz der Welt, kodifizierte hinduistisches und muslimisches Personenrecht und gründete Universitäten. Er entindustrialisierte aber auch das einst führende indische Textilgewerbe, damit die Webereien in Lancashire zu tun hatten, ließ eine Hungersnot nach der anderen zu (Bengalen 1943: vielleicht drei Millionen Tote, verschärft durch die Getreidepolitik des Kriegs) und zog dem Land Vermögen ab in einer Größenordnung, über die Historiker noch streiten. Der Widerspruch saß in der Struktur: Dieselbe englische Bildung, die Schreiber liefern sollte, lieferte Gandhi und Nehru. Am Ende, 1947, kostete die übereilte Teilung nach Religionsgrenzen vielleicht eine Million Menschen das Leben und vertrieb weitere fünfzehn Millionen.

Warum jetztDie Einrichtungen des heutigen Indien — Parlamentarismus, Bundesstaat, englischsprachige Elite, Armee, Eisenbahn, öffentlicher Dienst — sind unverkennbar aus der Zeit des Raj und unverkennbar indisch umgeformt. Die unerledigten Hinterlassenschaften sind es ebenso: Kaschmir, das Trauma der Teilung, die indisch-pakistanische Feindschaft samt der Atomwaffen beider Seiten, die Kommunalpolitik im Inneren, der Streit über Reparationen. Die britische Herrschaft ist keine abgeschlossene Erinnerung, sondern politischer Stoff der Gegenwart, der in Konflikten um Sprache, Recht, Staatsbürgerschaft, Kaste, Religion und Wiedergutmachung auf unterschiedliche Weise in Anspruch genommen wird. Entscheidend ist nicht, welche heutige Position schlicht als Erbe des Raj gilt, sondern wer welche Institution oder Kategorie übernommen und verändert hat — und welche Macht sie heute besitzt.