Die Achsenzeit
Zwischen etwa 800 und 200 v. Chr. — ein Fenster von sechs Jahrhunderten — entstanden die meisten moralischen Ordnungen, die die Art in die Moderne mitnehmen sollte, an weit auseinanderliegenden Orten, entworfen von Leuten, die einander nie begegnet sind und meist nicht einmal voneinander gehört haben. Konfuzius und Laozi im China der Zhou-Zeit. Der Buddha und Mahavira in der Gangesebene Indiens. Zarathustra in Iran. Die hebräischen Propheten — Jesaja, Jeremia — in Judäa. Sokrates, Platon und Aristoteles in Athen. Der deutsche Philosoph Karl Jaspers, der 1949 in den Trümmern einer zusammengebrochenen Zivilisation schrieb, gab der Epoche ihren Namen: Achsenzeit, nach der Achse, um die sich das menschliche Denken gedreht hat. Die Gleichzeitigkeit ist unheimlich, und eine befriedigende Erklärung dafür gibt es bis heute nicht.
So weit die Metaphysik dieser Überlieferungen auseinandergeht, einen Schritt machen sie alle: den Weg vom Kult zum Gewissen. Religion vor der Achsenzeit war weitgehend eine Frage des richtigen Ritus — das richtige Tier auf dem richtigen Altar zur richtigen Stunde, dann ist die Ernte sicher, die Stadt verschont, die Toten sind versorgt. Religion nach der Achsenzeit fragt nach dem inneren Leben: wie man leben soll, und ob den Göttern oder dem Himmel nicht weniger daran liegt, was einer verbrennt, als daran, wer er ist, wenn niemand hinsieht. Aus der Bürgerpflicht wird ein persönliches Vorhaben. Das Selbst wird zur Einheit, um die es moralisch geht, und Transzendenz — ein Maßstab über der bestehenden Ordnung und gegen sie — wird denkbar; kein Zufall, dass so viele dieser Gestalten Abweichler, Verbannte oder Hingerichtete waren. Eine der stärkeren Hypothesen knüpft den Zeitpunkt an materiellen Wandel: Eisen, Münzgeld, Schrift und Handel breiteten sich aus, die Gesellschaften wurden groß und wohlhabend genug, dass einige wenige aus dem Zwang zum bloßen Auskommen heraustreten und ihr Leben hauptberuflich dem Nachdenken widmen konnten, und die Schrift ließ sie einander über Generationen hinweg auf dem Papier finden. Ob nun Wirtschaft, Umwelt oder purer Zufall dahinterstand — herausgekommen ist eine dauerhafte Erweiterung dessen, was man von einem Menschen verlangen darf.