Die Bibliothek · Kunst & KulturTafel № 554 · Folio IX
ILL. № 554
KUNST
Plate — Bogen & Gewölbe

Bogen & Gewölbe

Stein kann nicht ziehen, nur drücken — und überspannt trotzdem jede Weite, sobald sich alles gegen den Schlussstein im Scheitel lehnt.
Facetten
  • Compression-only spanning locked by the keystonenoch nicht geprüft
  • Barrel, groin, and the Pantheon's concrete domenoch nicht geprüft
  • The pointed arch and the flying buttressnoch nicht geprüft
  • Hooke's hanging chain and the thrust linenoch nicht geprüft
Der Beitrag

Um 200 v. Chr. brachten römische Ingenieure den Rundbogen zur Vollendung — Vorbilder gab es bei den Etruskern und in Mesopotamien. Die technische Pointe liegt nicht auf der Hand: eine sich selbst tragende Kurve aus Stein oder Ziegel, die allein der Druck zusammenhält. Der keilförmige Schlussstein im Scheitel verriegelt das Ganze; sein Gewicht presst die Steine gegeneinander, und den seitlichen Schub nehmen die Widerlager auf. Kein Mörtel, keine Zugkraft im Innern, nur Druck — die Beanspruchung, der Stein am besten standhält. Damit ließen sich Weiten überspannen, an denen der griechische Tempel mit seinen Balken auf Säulen scheiterte: achtzehn Meter weite Aquäduktbögen, am Ende die 43-Meter-Kuppel des Pantheon. Das Gewölbe wiederum überdeckte Innenräume, ohne dass eine einzige Säule darin stehen musste. Tausend Jahre später legten die gotischen Baumeister — ab 1140, mit dem Umbau von Saint-Denis durch Abt Suger — Spitzbogen und Strebebogen nach: Kathedralen erreichten nie gekannte Höhen mit riesigen Fenstern, die Wand trug nicht mehr und konnte der Glasmalerei überlassen werden.

Lastet ein Gewicht auf dem Scheitel, geraten die Steine unter Druck und stemmen sich entlang der Krümmung gegeneinander. Entscheidend ist, dass die Stützlinie im Mauerwerk bleibt; tritt sie aus dem Stein heraus, versagt der Bogen. Galilei untersuchte 1638 als Erster die Mechanik steinerner Balken mit Strenge, und Robert Hooke fasste 1675 die Geometrie dahinter in ein lateinisches Rätselwort: Wie ein biegsames Seil hängt, so steht umgekehrt der starre Bogen. Die Kettenlinie, die eine hängende Kette von selbst annimmt, ist die ideale Bogenform unter gleichmäßiger Last; wirkliche Bögen nähern sie nur an und tragen trotzdem, weil Mauerwerk ein gewisses Wandern der Stützlinie verzeiht. In die dritte Dimension geht das Prinzip als Gewölbe: Das römische Tonnengewölbe ist ein fortlaufender Bogen, das Kreuzgratgewölbe sammelt die Last in vier Ecken und lässt von den Seiten Licht herein, das gotische Rippengewölbe setzt zuerst die tragenden Rippen aus Stein und füllt die leichteren Kappen dazwischen. Dreht man den Bogen um die Senkrechte, entsteht die Kuppel — und mit ihr die großen einräumigen Innenräume von Pantheon, Hagia Sophia, Brunelleschis Florentiner Dom und Michelangelos Petersdom. Der gotische Durchbruch war ein statischer, kein ornamentaler. Der Spitzbogen richtet den Schub steiler nach unten, der Strebebogen leitet die Restkraft außerhalb der Gebäudehülle auf Pfeiler ab, die im Boden verankert sind; daraus folgen dünne Wände, riesige Fenster und der senkrechte Zug. Wie knapp das kalkuliert war, zeigt Beauvais: 1284 stürzte der Chor der Kathedrale ein, 1573 der Vierungsturm. Mit Eisen und Stahl wuchs die Verwandtschaft des Bogens weiter — Brooklyn Bridge 1883, Sydney Harbour Bridge 1932 —, und die Betonschalen des 20. Jahrhunderts (Pier Luigi Nervi, Eduardo Torroja, Félix Candela) brachten Gewölbe hervor, an die kein mittelalterlicher Baumeister je herangekommen wäre.

Warum jetztIm Neubau geben Bogen und Gewölbe längst nicht mehr den Ton an — der Stahlskelettbau seit den 1880er Jahren und der Stahlbeton seit dem frühen 20. Jahrhundert nehmen Zug wie Druck mit weit schlankeren Gliedern auf. Für die Tragwerksplanung bleiben die Prinzipien selbst dennoch grundlegend. Die Restaurierung historischen Mauerwerks, etwa die Wiederherstellung von Notre-Dame de Paris nach dem Brand von 2019, verlangt ein genaues Verständnis der Bogen- und Gewölbemechanik. Die Betonschalen von Heinz Isler, Eladio Dieste und Santiago Calatrava führen dieselben Prinzipien ins Ausdrucksstarke weiter. Und der 3D-Druck mit Beton bringt das reine Druckbauen zurück, materialsparend gegenüber dem Stahlbetonrahmen: Gedruckte Tragwerke, die keinen Zug aufnehmen können, finden von allein zu kettenlinienähnlichen Formen.