Die Finanzkrise 2008
Am 15. September 2008 meldete Lehman Brothers Insolvenz an — die viertgrößte Investmentbank der USA, 158 Jahre alt, mit mehr als 600 Milliarden Dollar an Vermögenswerten und damit die größte Pleite der amerikanischen Geschichte. Binnen achtundvierzig Stunden stand der weltweite Geldmarkt still: Keine Bank lieh einer anderen noch etwas, nicht einmal über Nacht, weil niemand wusste, wer den nächsten Stapel wertloser Hypothekenpapiere in den Büchern hatte. Aufgebaut hatte sich die Krise seit den Ausfällen im Subprime-Segment 2007 und der Rettung von Bear Stearns im März 2008; mit Lehman aber blockierte das System. Das US-Finanzministerium und die Federal Reserve organisierten daraufhin, abgestimmt mit den Zentralbanken der Welt, den größten Finanzeingriff, den es je in Friedenszeiten gab — Rettungen, Garantien und Geldschöpfung in nie dagewesenem Umfang —, um eine globale Depression zu verhindern. Im Wesentlichen gelang es. Über fast alles, was sie taten, wird bis heute gestritten.
Die Krise legte offen, wie systematisch der tiefste Kreditmarkt der Welt sein Risiko falsch bewertet hatte. Hypothekenbesicherte Wertpapiere und ihre Derivate sollten das Ausfallrisiko durch Zerlegung in Tranchen streuen und unschädlich machen; tatsächlich bündelten sie es in den größten Häusern, undurchsichtig und mit katastrophalem Hebel. Die Ratingagenturen, bezahlt von den Emittenten, hatten AAA auf Papiere gestempelt, deren Schuldner die Raten nach dem Auslaufen günstiger Einstiegskonditionen oder dem Fall der Häuserpreise häufig nicht mehr tragen konnten. Die Aufsicht, ideologisch auf sich selbst korrigierende Märkte eingeschworen, war dem nicht gewachsen. Was nach der Krise kam, verband dreierlei: schärfere Regulierung (in den USA der Dodd-Frank Act, international Basel III); die Verfestigung von too big to fail als Arbeitsannahme — die größten Banken gingen größer aus der Sache hervor; und ein Jahrzehnt unkonventioneller Geldpolitik aus Nullzinsen und Anleihekäufen, das Vermögenspreise stützte und die Finanzbedingungen lockerte, während sich der Arbeitsmarkt quälend langsam erholte — davon profitierten zuerst jene, die bereits Vermögen besaßen. Der politische Niederschlag wog am Ende mindestens so schwer wie der ökonomische: Die Krise beschädigte den Ruf der westlichen Eliten, technokratisch kompetent zu sein, befeuerte rechts die Tea Party und links Occupy und legte den Grund für die populistischen Revolten — Brexit, Trump, die europäische Rechtsaußen —, die die entwickelte Welt im folgenden Jahrzehnt umbauten.