Tang- und Song-China
Vom 7. bis ins 13. Jahrhundert war China nach praktisch jedem Maßstab, der damals zählte, die am weitesten entwickelte Zivilisation der Erde. Die Tang-Dynastie (618–907) regierte von Chang'an aus, einer Weltstadt mit vielleicht zwei Millionen Einwohnern — der größten der Erde —, auf deren Märkten persisches Silber lag und koreanische Mönche, sogdische Händler und indische Astronomen verkehrten und in deren Mauern eine nestorianische Kirche und zoroastrische Tempel standen. Es folgte die Song-Dynastie (960–1279) mit dem, was Historiker die erste industrielle Revolution der Welt genannt haben — achthundert Jahre vor der europäischen — und mit einem technischen Vorsprung, an dessen Aufholen Europa fast ebenso lange saß.
Die Innovationen der Song-Zeit waren kein einzelner Durchbruch, sondern wuchsen über drei Jahrhunderte in so unterschiedlichen Feldern wie Druck, Finanzwesen, Waffentechnik, Navigation, Metallurgie, Landwirtschaft und Schiffbau. Der Buchdruck mit beweglichen Lettern, um 1040 von Bi Sheng erdacht — vier Jahrhunderte vor Gutenberg. Staatliches Papiergeld, das Jiaozi, zuerst in Sichuan gedruckt und dort in den 1020er-Jahren vom Staat übernommen — sechs Jahrhunderte bevor Schweden es probierte. Schwarzpulverwaffen, erst aus Bambus-, dann aus Eisenrohren abgefeuert; der für die Seefahrt hergerichtete Magnetkompass; kohlebefeuerte Hochöfen mit vielleicht 125.000 Tonnen Eisen im Jahr — mehr, als ganz Europa 1700 zustande brachte; wasserkraftgetriebene Textilmaschinen; die frühe Variolation gegen Pocken; hochseetüchtige Dschunken mit wasserdichten Schotten und Stevenruder. Die Song-Wirtschaft war in einem Maß monetarisiert, verstädtert und kommerzialisiert, das Europa erst im 18. Jahrhundert erreichte: neu aus Champa eingeführte Reissorten erlaubten zwei Ernten im Jahr und ernährten eine Bevölkerung jenseits der 100 Millionen, und die Beamtenprüfungen, unter Kaisern wie Taizong ausgeweitet, waren zum Hauptweg in eine Elite von Gelehrtenbeamten geworden, im Grundsatz nach Leistung ausgewählt und nicht nach Geburt. Hangzhou, die Hauptstadt der Südlichen Song, zählte über eine Million Einwohner und setzte Marco Polo in Erstaunen, während London vielleicht 40.000 hatte. Warum daraus kein dauerhafter industrieller Durchbruch wurde — die sogenannte Needham-Frage —, gehört zu den großen Streitfragen der vergleichenden Wirtschaftsgeschichte: die mongolische Eroberung von 1279; der Kurswechsel der Ming, die nach 1433 Zheng Hes Schatzflotten verschrotteten und sich nach innen wandten; das Fehlen konkurrierender Staaten, die — wie in Europa die Zersplitterung — zur Neuerung getrieben hätten; und eine stabile agrarisch-bürokratische Elite, der am Umbruch nichts gelegen war.