Die Bibliothek · WirtschaftTafel № 446 · Folio VI
ILL. № 446
ÖKON
Plate — Angebot & Nachfrage

Angebot & Nachfrage

Knappheit treibt die Preise, und die Preise rationieren die Knappheit: Was das eine anstößt, dämpft das andere — und niemand muss dabei die Aufsicht führen.
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Facetten
  • The crossing curves and their slopesnoch nicht geprüft
  • Price, scarcity, and elasticitynoch nicht geprüft
  • Markets, monopoly, profitnoch nicht geprüft
  • Smith's invisible hand; micro vs macronoch nicht geprüft
Der Beitrag

Die Schere stammt von Alfred Marshall: Keine der beiden Klingen schneidet für sich, erst gemeinsam schneiden sie — so erklärte er in den Principles of Economics (1890), warum weder das Angebot noch die Nachfrage den Preis allein festlegt. Das Schaubild dazu — fallende Nachfragekurve, steigende Angebotskurve, Gleichgewichtspreis im Schnittpunkt — steht seither am Anfang jedes Ökonomiestudiums. Erfunden hat Marshall es nicht: Cournot zeichnete 1838 Ähnliches, und als Anschauung reicht die Sache bis zu Adam Smith zurück. Lehrbar und brauchbar wurde sie erst bei ihm, und binnen einer Generation war das Kurvenkreuz zum Wahrzeichen des Faches. Offen gesagt bleibt es ein Lehrmittel, kein Bericht über einen wirklichen Markt: Preise entstehen dort weit öfter durch ausgehängte Tarife, Verhandlung, Auktion, behördliche Festsetzung oder träge Oligopolpreise.

Zwei Sätze tragen alles, und sie greifen ineinander. Knappheit bewegt Preise: Was schwerer zu bekommen ist, wird teurer. Preise bewegen Knappheit: Ein höherer Preis bringt manche Käufer zum Verzicht und manche Anbieter dazu, mehr auf den Markt zu bringen, womit sich eben der Engpass löst, der ihn hat steigen lassen. Einzeln ist beides banal. Zusammen ergeben sie einen Markt, der sich selbst korrigiert, ohne dass jemand mit dem Korrigieren beauftragt wäre. Was in dieser Schleife kreist, ist Information — der eigentliche Punkt, und ausgerechnet den kann das Schaubild nicht zeichnen. Ein Preis fasst zusammen, was alle Beteiligten wissen und keiner von ihnen je zusammentragen könnte. Wird Kupfer knapp, weil ein Bergwerk absäuft, weil sich eine neue Legierung durchsetzt oder weil ein Krieg eine Schifffahrtsroute sperrt, dann sparen die Verarbeiter, weichen aus oder warten ab. Keiner von ihnen muss wissen, welcher der drei Fälle eingetreten ist. Der Preis allein trägt genug von der Nachricht, damit sich das Verhalten richtig ändert; deshalb bringt eine dezentrale Wirtschaft Millionen Anpassungen zur Deckung, die keine Planungsbehörde je durchrechnen könnte. Die Kurven bleiben ein Lehrmittel, und zum Modell gehört, seine Bruchstellen zu kennen. Wirkliche Märkte ruhen selten. Häufig bewegen sich die Mengen vor den Preisen, weil Betriebe erst die Lager leeren, bevor sie eine neue Preisliste drucken lassen. Die Nachfrage sinkt auch nicht immer, wenn der Preis steigt: Bei Gütern, die man kauft, um zu zeigen, was sie gekostet haben, kann sie steigen. Das Arbeitsangebot kann sich rückwärts neigen, denn von einem gewissen Lohn an kauft man lieber Freizeit als zusätzliches Einkommen. Und der Mengenanpasser des Lehrbuchs ist eine Fiktion; die Industrieökonomik ersetzt ihn durch Unternehmen, die Preise setzen und wissen, dass ihnen dabei zugesehen wird. Seinen Lohn verdient das Modell also dort, wo seine Annahmen beinahe zutreffen — viele Käufer und Verkäufer, leichter Marktzutritt, vergleichbares Wissen, Zeit zum Anpassen. Weizen, Devisen und Finanzmärkte auf lange Sicht beschreibt es passabel. In die Irre führt es, wo ein Anbieter die Bedingungen diktiert, wo eine Seite weit mehr weiß als die andere, oder wo die entscheidenden Kosten bei Leuten anfallen, die am Geschäft nie beteiligt waren.

Warum jetztKaum eine wirtschaftspolitische Debatte kommt ohne eine stille Berufung auf Angebot und Nachfrage aus — mal zu Recht, mal schlecht. Eine Mietpreisbindung senkt das Wohnungsangebot zum gebundenen Preis; die Lehrbuchvorhersage ist empirisch bestätigt (Diamond, McQuade und Qian 2019 für San Francisco). Beim Mindestlohn hängt die Wirkung davon ab, wie der Arbeitsmarkt gebaut ist: Herrscht Wettbewerb, sagt das Lehrbuch sinkende Beschäftigung voraus; ist er monopsonistisch geprägt, kann sie der Monopsonliteratur seit Card und Krueger zufolge sogar steigen. Die CO₂-Bepreisung beruft sich zu Recht auf das Schaubild — der Marktpreis fossiler Brennstoffe bildet die gesellschaftlichen Kosten des Kohlenstoffs eben nicht ab. Und Surge Pricing, bei Uber und Lyft wie im Spitzenlasttarif der Energieversorger, ist das Schaubild in Echtzeit. Lehrmittel hin oder her: Die Anschauung dahinter gehört zum brauchbarsten geistigen Mobiliar, das die Ökonomik hervorgebracht hat.