Sumer und die Keilschrift
Am Anfang der Schrift stand weder Dichtung noch heiliger Text noch Gesetz, sondern Buchhaltung. Die Tempelverwalter von Uruk hatten um 3200 v. Chr. Schaflieferungen, Bierrationen und Gerstenquoten einer Wirtschaft im Blick zu behalten, die kein einzelner Kopf mehr fasste. Der Weg dorthin begann Jahrhunderte früher mit Tonmarken — ein Kegel für Getreide, eine Kugel für Öl —, die man in hohle Tonhüllen einschloss; dann drückte man die Marken außen in den Ton, damit der Inhalt lesbar war, ohne das Siegel zu erbrechen; schließlich lösten sich die Abdrücke von den Marken, wurden zu abstrakten, mit dem Rohrgriffel eingeritzten Zeichen und standen zunächst für jedes beliebige Substantiv, dann für die Laute der Wörter, dann für alles Sagbare. Um 1750 v. Chr. hielt diese Keilschrift ein Liebesgedicht fest, die Klage eines Schuljungen, einen wütenden Brief über einen betrügerischen Kupferhändler — und das Gilgamesch-Epos.
Die tiefere Folge der Schrift ist nicht die Literatur, sondern die Zeit. Eine rein mündliche Kultur reicht so weit zurück wie das Gedächtnis ihres ältesten Mitglieds — achtzig Jahre vielleicht, und gegen Ende brüchig. Eine schriftkundige Kultur reicht so weit zurück wie ihre älteste noch lesbare Tafel; an sumerischen Tafeln wird nach über viertausend Jahren immer noch entziffert. Es geht dabei um mehr als Dauer. Gesprochenes hängt an einem Sprecher und an einem Augenblick; die Schrift löst die Botschaft von beidem und schickt einen Befehl über Entfernungen und ein Versprechen über Generationen, ohne dass der Urheber dabei sein müsste. Recht ließ sich auf einer öffentlichen Stele festschreiben, statt es von den Ältesten jeder Generation neu aushandeln zu lassen — ein Antrieb, der vom Codex Ur-Nammu bis zum Codex Hammurabis durchgeht. Schulden überdauerten den Tod beider Seiten und banden Erben an Abmachungen, die sie nie geschlossen hatten. Ein König befahl Untertanen, denen er nie begegnen würde, und Nachfolgern, die noch nicht geboren waren; ein Verwalter prüfte einen Speicher, den er nie selbst gezählt hatte, und glaubte dem Zeichen auf der Tafel mehr als dem Mann, der vor ihm stand. Bürokratie im strengen Sinn — Herrschaft der Akte — nimmt hier ihren Anfang, und mit ihr die Möglichkeit einer Einrichtung, die jeden Menschen in ihr überlebt: Tempel, Schatzkammer, Staat. Zugleich rüstete die Schrift das Gedächtnis gegen die Macht, denn eine Aufzeichnung lässt sich nachprüfen. Was ein König verfügt hatte, konnte man ihm vorhalten — und der Schreiber, der die Tafeln verwahrte, wurde dem Thron, der auf sie angewiesen war, klammheimlich unentbehrlich.