Die Bibliothek · PhysikTafel № 248 · Folio II
ILL. № 248
PHYS
Plate — Statistische Mechanik

Statistische Mechanik

Mittelt man über die ungeordnete Bewegung von 10²³ Molekülen, bleibt genau das übrig, was wir als Temperatur, Druck und Ordnung messen. Die makroskopische Welt ist die Statistik der mikroskopischen.
Als Nächstes empfohlen → Gleichgewichtskonstanten · CHEM
Facetten
  • Microstates averaging into macrostatesnoch nicht geprüft
  • S = k_B · ln W on Boltzmann's tombnoch nicht geprüft
  • The Boltzmann distribution and partition function Znoch nicht geprüft
  • Maxwell-Boltzmann, Fermi-Dirac, and Bose-Einsteinnoch nicht geprüft
Der Beitrag

Wärme, Arbeit, Entropie — all das konnte die Thermodynamik im Großen beschreiben, ohne ein Wort darüber, woraus Materie besteht. Die fehlende Ebene lieferte in den 1870er Jahren Ludwig Boltzmann in Graz: Temperatur, Druck, Entropie — die Größen, die wir messen — sind statistische Mittelwerte über die rastlose Bewegung unzähliger unsichtbarer Moleküle. Rund 10²³ davon stecken in einem Gas; kein einzelnes lässt sich verfolgen, und doch legt ihre Statistik alles fest. Der Gedanke galt als radikal bis an den Rand des Skandals — Atome selbst waren noch keine anerkannte Physik, und Boltzmann wurde als Träumer verspottet. Vom Dauerstreit zermürbt, nahm er sich 1906 das Leben. Zwei Jahre später bewiesen Jean Perrins Experimente zur Brownschen Bewegung endgültig, dass es die Atome wirklich gab — und dass Boltzmann recht gehabt hatte.

Der Kerngedanke ist von fast verlegen machender Einfachheit. Wer ein System bis ins Letzte beschreibt — Ort und Bewegung jedes einzelnen Moleküls —, hat einen Mikrozustand vor sich; wer nur das Messbare festhält — Temperatur, Druck, Energie —, einen Makrozustand. Der Haken: Zu ein und demselben Makrozustand passt eine schwindelerregende Zahl von Mikrozuständen. Boltzmanns Einsicht war, dass der Makrozustand, den wir tatsächlich beobachten, schlicht derjenige ist, der sich auf die meisten Arten verwirklichen lässt. Nicht weil die übrigen Anordnungen verboten wären — sie sind nur hoffnungslos in der Minderheit: Würfelt man die Moleküle zufällig durcheinander, landet man praktisch immer in der Konfiguration mit den meisten Varianten ihrer selbst. Wärme fließt, Gase füllen ihr Gefäß, alles strebt dem Gleichgewicht zu — nicht, weil ein Gesetz es erzwingt, sondern weil die Alternativen bloß, um astronomische Faktoren, unwahrscheinlicher sind. Genau das ist Entropie. Boltzmanns Formel — S = k · ln W, eingemeißelt in seinen Grabstein — besagt: Entropie ist nichts Geheimnisvolleres als die Anzahl W der Mikrozustände, die dasselbe makroskopische Erscheinungsbild teilen, durch einen Logarithmus geschickt. Die große Behauptung des Zweiten Hauptsatzes, die Entropie nehme stets zu, schrumpft damit beinahe zur Selbstverständlichkeit: Ein System wandert von unwahrscheinlicheren zu wahrscheinlicheren Anordnungen — von einer Ordnung, die sich auf wenige Arten herstellen lässt, zu einer Unordnung, die sich auf unzählige herstellen lässt. Was wie ein ehernes Naturgesetz aussieht, ist darunter eine Aussage über Abzählen und Chancen — vielleicht der stillste Umsturz in der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts: Ein Fundamentalgesetz löst sich auf in überwältigende Wahrscheinlichkeit.

Warum jetztDiese Zähllogik reicht weit über Dampfmaschinen und Gase hinaus. Die Physik der kondensierten Materie — Supraleiter, exotische Phasen der Materie — ist über weite Strecken Statistische Mechanik, angewandt auf Elektronen und Spins. Die Chemie sagt mit denselben Wahrscheinlichkeiten voraus, wie schnell Reaktionen ablaufen; die Biologie liest die Proteinfaltung als Suche nach der wahrscheinlichsten Gestalt. Selbst in der künstlichen Intelligenz ist die Denkfigur angekommen: Die Boltzmann-Maschine und die Diffusionsmodelle hinter den heutigen Bildgeneratoren sind ganz wörtlich Objekte der Statistischen Mechanik — sie ziehen wahrscheinliche Konfigurationen aus einer erlernten Landschaft. Die sichtbare Welt als wahrscheinlichste Anordnung einer unsichtbaren zu erklären: Was Boltzmann damit vorgemacht hat, gehört heute zu den Grundmustern der Wissenschaft.
Zur VertiefungFundamentals of Statistical and Thermal Physics (Reif, 1965). Statistical Mechanics: Entropy, Order Parameters, and Complexity (Sethna, 2. Aufl., 2021). Boltzmann's Atom (Lindley, 2001). Physics and Chance (Sklar, 1993).