Im Jahr 1942, als die Achsenmächte ihren Höhepunkt erreichten und deutsche Heere tief im sowjetischen Herzland standen, verfasste ein niederländisch-amerikanischer Politikwissenschaftler in Yale namens Nicholas Spykman eine direkte Entgegnung auf Mackinder. Das entscheidende geographische Merkmal der Weltpolitik sei, so Spykman, nicht das Herzland, sondern das Rimland — der dicht besiedelte Küstenbogen aus Westeuropa, dem Nahen Osten, Südasien und Ostasien, der das eurasische Innere umschließt und Landmacht mit Seemacht verbindet. Er kehrte Mackinders Spruch in seinen eigenen um: wer das Rimland hält, hält Eurasien; wer Eurasien hält, lenkt die Geschicke der Welt. Spykman starb 1943, ehe er seine Bestätigung erlebte, hatte aber das intellektuelle Gerüst jener Großstrategie gelegt, die die Vereinigten Staaten das nächste halbe Jahrhundert verfolgen sollten.
Spykmans Argument lautete: die vermeintlichen Vorteile des Herzlands — Bevölkerung, Rohstoffe, Tiefe — wögen weniger schwer, als sie schienen, denn die Küstenzivilisationen am eurasischen Rand seien stets wohlhabender, bevölkerungsreicher, städtischer und technisch weiter entwickelt gewesen als das dünn besiedelte Steppeninnere. Der strategische Preis seien daher die Industriezentren des Rimlands — Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Japan, China —, und die richtige Aufgabe der Vereinigten Staaten, einer vorgelagerten Macht, sei es, jede einzelne Macht daran zu hindern, diesen Bogen zu beherrschen und seine Ressourcen gegen die Neue Welt zu bündeln. Die amerikanische Politik nach 1945 folgte dem Rezept nahezu mechanisch. Marshallplan und NATO sicherten das europäische Rimland; der Friedensvertrag von San Francisco von 1951 und die Kette der bilateralen Bündnisse mit Japan, Südkorea, den Philippinen, Taiwan und Australien sicherten das asiatische Rimland; George Kennans Containment-Politik war Spykman-Politik im Vokabular Mackinders. Selbst die teuren Randkriege fügen sich: der Irakkrieg, der Afghanistankrieg und die jahrzehntelange amerikanische Verstrickung im Nahen Osten folgen alle der Logik der Rimland-Verteidigung — einer feindlichen Macht den verfestigten Brückenkopf an der eurasischen Küste zu verwehren, von dem aus sie in die Weltmeere ausbrechen könnte. Die Schwäche des Musters ist zugleich sein Preis: einen Rand zu halten, der drei Kontinente umspannt, verpflichtet die vorgelagerte Macht zu Interventionen fern der Heimat — dieselbe Überdehnung, die Athen ausblutete und wohl auch die späte Sowjetunion wie die USA nach 2001.
Die Indo-Pazifik-Rahmung der gegenwärtigen amerikanischen Strategie — Quad, AUKUS, der neue Stützpunktzugang auf den Philippinen und die vertiefte Verteidigungsverflechtung mit Japan und Südkorea — ist Spykmansche Rimland-Strategie, angewandt auf eine chinesische statt eine sowjetische Herausforderung, diesmal mit einer aufsteigenden Macht, die selbst auf dem Rand sitzt, statt im Inneren eingeschlossen zu sein. Die offene Frage lautet, ob die asiatischen Rimland-Bündnisse sich ebenso dauerhaft erweisen wie die europäischen (die NATO überdauerte ihren Gründungszweck um drei Jahrzehnte und zählt weiter) oder ob Chinas Rolle als größter Handelspartner fast jedes Glieds der Kette jenen politischen Zusammenhalt aushöhlt, auf den die Sicherheitsbündnisse angewiesen sind. Das ist faktisch ein Belastungstest für Spykmans hundert Jahre alte These in Echtzeit.