Soft Power
1990 prägte der Harvarder Politikwissenschaftler Joseph Nye in Bound to Lead den Begriff Soft Power: für das, was die Vereinigten Staaten im Überfluss hatten und die sterbende Sowjetunion so gut wie gar nicht — die Fähigkeit, andere dasselbe wollen zu machen, was man selbst will, ohne dafür zu zahlen und ohne zu drohen. Hollywood. Harvard. Levi's. Die Bill of Rights. Die englische Sprache. Coca-Cola. Die NATO-Mitgliedschaft als Statussymbol. Rock und Jazz, auf Kassetten über den Eisernen Vorhang geschmuggelt. Die amerikanische Universität als begehrtes Ziel ehrgeiziger Studierender aus aller Welt. Die gesammelte Anziehungskraft einer Kultur, die andere Gesellschaften nachahmen und in die andere Eliten ihre Kinder schicken wollten, war eine Währung, die die Sowjets nicht drucken konnten — und dass sie fehlte, ist ein stiller Grund dafür, warum ihr Reich zerfiel, ohne dass viele es verteidigen wollten.
Soft Power ist genau das, was der Realismus schlecht erklärt: Sie läuft über Anziehung statt Zwang und taucht in keiner Aufstellung von Panzern und Bruttoinlandsprodukt auf. Staaten, die viel davon haben — die USA der 1990er-Jahre, Frankreich über zwei Jahrhunderte mit Sprache, Küche und revolutionären Idealen, das Großbritannien der Jahrhundertmitte, das von seinen Institutionen zehrte, das heutige Japan und Südkorea mit Anime, Küche und K-Pop —, holen aus dem internationalen System eine Folgsamkeit heraus, für die sie kein entsprechendes Maß an Hard Power aufwenden müssen: Verbündete schließen sich an, Normen werden in ihrer Sprache geschrieben, Talente wandern zu ihnen. Staaten mit wenig davon — das heutige Russland und China über weite Strecken der Zeit nach Mao — merken, dass selbst ihre Züge mit harter Macht politisch teuer werden, weil die Welt nicht auf ihrer Seite steht. Die Mechanismen wirken indirekt und langsam: Kulturexporte formen die Vorlieben von Eliten im Ausland; Austauschprogramme stiften lebenslange Bindungen bei Leuten, die später Ministerien führen; zivilgesellschaftliche Verbindungen schaffen im Inland Fürsprecher, die auf die eigene Regierung einwirken. Wichtig ist: Soft Power kommt überwiegend aus der Zivilgesellschaft, nicht aus dem Staat — und lässt sich deshalb nicht befehlen. Die Kommunistische Partei Chinas hat zwei Jahrzehnte lang zweistellige Milliardenbeträge darauf verwendet, sie zu fertigen: Konfuzius-Institute an ausländischen Hochschulen, der Weltsender CGTN, die Neue Seidenstraße als wohltätige Marke verpackt. Das Ergebnis ist gemischt, denn Soft Power, die sichtbar aus einem staatlichen Propagandaapparat kommt, liest sich als harte Macht in Verkleidung — genau, wie Nye es vorhergesagt hatte.