Siedlerkolonialismus
Siedlerkolonialismus ist eine eigene Spielart der Kolonisation: Die Kolonisatoren kommen, um zu bleiben — die einheimische Bevölkerung zu verdrängen oder zu vernichten, sie zu ersetzen und auf dem geräumten Boden eine neue Gesellschaft zu errichten. Er ist nicht dasselbe wie der Ausbeutungskolonialismus (Kongo, Indonesien), der über eine dünne Verwaltungsschicht Reichtümer abschöpft, und auch nicht der Verwaltungskolonialismus (Indien, Vietnam), der eine einheimische Mehrheit beherrscht, die an Ort und Stelle bleibt. Aus dieser Form der europäischen Ausdehnung sind die Vereinigten Staaten, Kanada, Australien, Neuseeland, Argentinien und Chile hervorgegangen, die Burenrepubliken und die britische Besiedlung im südlichen Afrika, die französische Präsenz in Algerien — Gesellschaften, in denen die Siedler zur demografischen Mehrheit wurden und in denen die indigene Bevölkerung den Besatzer eben darum nicht einfach überdauern konnte. Vor Gerichten, in Verfassungen und im nationalen Gedächtnis wird in jeder von ihnen bis heute darüber gestritten, was daraus folgt.
Quer durch die Fälle kehren dieselben Mechanismen wieder. Landnahme, gedeckt durch Verträge, die nie eingehalten wurden — oder durch die Lehre von der Terra nullius, die indigene Rechtstitel gleich ganz bestritt. Demografische Verdrängung durch Einwanderung, Seuchen und Gewalt: Pocken, Masern, Grippe und weitere Seuchen lösten in vielen Teilen Amerikas einen verheerenden, regional sehr unterschiedlichen Bevölkerungseinbruch aus. Krieg, Versklavung, Vertreibung, Hunger und koloniale Arbeitsregime erhöhten die Sterblichkeit und verhinderten Erholung. Eine einheitliche Quote von neunzig Prozent vor Beginn der Besiedlung lässt sich für den gesamten Doppelkontinent nicht halten. Kulturelle Auslöschung durch Internatsschulen — die kanadischen liefen bis in die 1990er Jahre —, durch Sprachverbote und Zwangsbekehrungen. Und der Aufbau einer neuen nationalen Erzählung, die die Verdrängung tilgt oder verklärt: die Frontier, das Outback, das Veld. Patrick Wolfes Formel „Invasion ist eine Struktur, kein Ereignis“ fasst das Dauerhafte daran: Die Kolonisierung ist nicht etwas, was geschehen ist, sondern etwas, das in den Einrichtungen des Siedlerstaats weitergeschieht — in Grundbüchern, Wasserrechten, Polizeiapparaten. Angefochten wird das weiter: Mabo kippte 1992 in Australien die Terra nullius, Calder zwang Kanada 1973 zur Anerkennung indigener Landtitel, das Waitangi-Tribunal hat in Neuseeland einen Vertrag des 19. Jahrhunderts wieder aufgeschlagen, und die amerikanischen Verfahren zur Stammessouveränität ziehen die Grenze immer neu. Was all das zusammenhält, ist die Logik der Auslöschung: Weil die Siedlergesellschaft nicht gehen kann, wird der indigene Anspruch existenziell und nicht bloß verwaltungstechnisch — weshalb sich diese Konflikte dem üblichen Werkzeugkasten der Dekolonisierung entziehen.