Das Safawidenreich
1501 zog ein Vierzehnjähriger namens Ismail an der Spitze seiner Kizilbasch — Krieger und Glaubensjünger in einem — in Tabriz ein, griff nach der Macht und machte die Zwölferschia zur Staatsreligion Irans. Neun Jahrhunderte lang war das Land überwiegend sunnitisch gewesen. Ismail leitete seine Herkunft vom Propheten her, und seine Anhänger verehrten ihn beinahe wie einen Gott; als Schah Ismail I. begründete er eine Dynastie, die über zwei Jahrhunderte Bestand hatte. Eine Generation später war der Iran schiitisch und ist es geblieben — bis in die religiöse Selbstbeschreibung des heutigen Staates hinein. Unter den drei Schwarzpulverreichen — Osmanen, Moguln, Safawiden — ist es das safawidische, dessen Glaubensentscheidung die Politik des Nahen Ostens am stärksten bestimmt hat.
Die Schia kam nicht von unten: Eingeführt wurde sie gezielt, von oben und über Jahrzehnte hinweg. Einheimische schiitische Geistlichkeit gab es kaum, also holte die Dynastie Gelehrte aus dem libanesischen Dschabal Amil und aus dem Irak, ging gegen sunnitischen Widerstand vor, ließ die ersten drei Kalifen rituell verfluchen und band geistliche Autorität so eng an höfische Förderung, dass die iranische Schia einen ausgeprägt klerikal-staatlichen Zug behielt. Getragen wurde die Macht zunächst von den Kizilbasch, turkmenischer Stammesreiterei, die im Schah eine fast messianische Gestalt sah; diese Königsmacher zu bändigen, war das Grundproblem der ganzen Epoche. Nach außen entstand eine dauerhafte Konfessionsgrenze zum sunnitischen Osmanischen Reich: Bei Tschaldiran zerschlugen 1514 osmanische Musketen und Kanonen die Kizilbasch-Reiterei, und die Niederlage legte eine Linie fest, um die zwei Jahrhunderte lang gekämpft wurde — im Groben die heutige Grenze zwischen Iran und Irak. Seinen Höhepunkt erlebte das Reich unter Schah Abbas dem Großen (1587–1629): Er beschnitt die Kizilbasch, indem er ein stehendes Heer aus Ghulam-Sklavensoldaten aufstellte, überwiegend bekehrte Christen aus dem Kaukasus, die niemandem als der Krone verpflichtet waren, und verlegte die Hauptstadt nach Isfahan. Persische Miniaturmalerei, Teppichknüpfkunst und Baukunst erreichten unter den Safawiden ihre Blüte; Isfahan mit seinem großen Platz und den Kachelmoscheen gehörte zu den größten und prächtigsten Städten der Welt und rühmte sich, „die halbe Welt“ zu sein. Von hier lief der Seidenhandel aus China weiter zu den Kaufleuten Venedigs, und gegen den gemeinsamen osmanischen Gegner tauschte man Gesandtschaften mit dem habsburgischen Europa. Unter Abbas' schwächeren Nachfolgern verfielen Heer und Staatskasse; 1722 belagerten afghanische Eroberer Isfahan und nahmen es ein — danach bestand die safawidische Herrschaft nur noch dem Namen nach.