Die Bibliothek · Kunst & KulturTafel № 545 · Folio IX
ILL. № 545
KUNST
Plate — Rhythmus & Metrum

Rhythmus & Metrum

Gruppierte Schläge, gesetzte Akzente: ein Zeitraster, das der Körper vorausberechnen und tanzen kann — und das von Kultur zu Kultur enorm verschieden ausfällt.
Als Nächstes empfohlen → Barockmusik: Tonalität, Konzert, Fuge · KUNST
Facetten
  • Rhythm as pattern, meter as groupingnoch nicht geprüft
  • Tempo, subdivision, syncopation, polyrhythmnoch nicht geprüft
  • Beat induction in the motor systemnoch nicht geprüft
  • Cross-cultural rhythms and Parkinson's gaitnoch nicht geprüft
Der Beitrag

Jede Musik hat Rhythmus, nicht jede hat Metrum. Rhythmus ist das zeitliche Muster aus Klängen und Pausen; Metrum ist die Gruppierung der Schläge zu wiederkehrenden Einheiten, auf die sich Ohr und Körper einstellen. Der Regelfall ist der Viervierteltakt — vier Schläge, der erste betont, der dritte schwächer betont, der zweite und der vierte unbetont. Nach wenigen Takten hat das Ohr das Muster gelernt und sagt es voraus; wo die Musik davon abweicht, entsteht Synkope: ein Schlag, der gefühlt, aber nicht gespielt wird, oder eine Betonung auf einer schwachen Zählzeit. Aus Erwartung und Abweichung bezieht Musik ihre Bewegung — das, was den Körper schaukeln, tanzen, vorwärtsdrängen lässt. Eine Musik, die ihre eigene Erwartung genau bediente, wäre nicht auszuhalten; eine, die sie dauernd bräche, käme gar nicht erst als Musik an. Der Rhythmus lebt in der Mitte dazwischen, und die Begriffe des Metrums sind die Sprache dafür, wie Komponisten und Interpreten diese Mitte bearbeiten.

Das Fachvokabular ist klein. Tempo zählt die Schläge pro Minute (langsam ≈ 60 BPM, im Schritttempo ≈ 90–120, treibend ≈ 140+). Metrum beschreibt die Gruppierung der Schläge: einfach (2/4, 3/4, 4/4), zusammengesetzt, wenn jeder Schlag in drei zerfällt (6/8, 9/8, 12/8), oder asymmetrisch (5/4, 7/8, 11/8). Die Unterteilung regelt, wie ein einzelner Schlag intern zerlegt wird; die Synkope setzt den Akzent dorthin, wo die Vorhersage ihn nicht erwartet; die Polyrhythmik legt zwei oder mehr Muster übereinander, Lehrbuchfall ist das 3 gegen 2 westafrikanischer und kubanischer Musik. Spannender als die Begriffe ist, worauf sie zeigen. Rhythmus wird von motorischen Regionen verarbeitet — prämotorischer Kortex, supplementär-motorisches Areal, Kleinhirn —, also von Arealen, die auch arbeiten würden, bewegte sich der Hörende tatsächlich. Die Beat-Induktion, das Heraushören eines gleichmäßigen Pulses, den niemand ausdrücklich spielt, geschieht von allein; schon Säuglinge bringen sie mit. Das prädiktive Timing dagegen — den nächsten Schlag so genau vorwegzunehmen, dass man auf ihn klatscht — scheint in seiner ausgeprägten Form dem Menschen vorbehalten. Die allermeisten Tiere synchronisieren sich gar nicht erst auf einen äußeren Puls, und die wenigen, die es können — Singvögel, Papageien, Wale, Menschen —, sind samt und sonders vokale Lerner. Musik ist demnach nichts, was das Gehirn wahrnimmt, sondern etwas, das es tut: Es greift auf dieselbe Maschinerie zurück, mit der es einen Schritt plant.

Warum jetztHip-Hop, Drum & Bass, Trap mit seinen Triolen-Hi-Hats über geradem Kick, Math Rock mit seinen asymmetrischen Metren: Die Popmusik der letzten fünfzig Jahre hat das rhythmische Ohr des Massenpublikums enorm erweitert, vor allem, indem sie aus Traditionen schöpfte, die die westliche Kunstmusik den Spezialisten überlassen hatte. Die KI-Musikgenerierung landet dagegen meist bei den gängigen Metren, weil ihre Trainingsdaten dort landen; wie sie in rhythmisches Gelände vordringt, das in den Daten kaum vorkommt, ist derzeit eine offene Forschungsfrage. Am stärksten wirkt die Gegenwart aber in der Klinik: Die rhythmisch-auditive Stimulation verbessert den Gang von Parkinson-Patienten zuverlässig, denn wenn das Vorhersagesystem versagt, das sonst die Basalganglien antreiben, kann ein äußerer Puls den inneren vertreten. Rhythmus ist hier die Voraussage, die der Körper verloren hat und über das Ohr zurückbekommt.