Die Bibliothek · PhysikTafel № 284 · Folio II
ILL. № 284
PHYS
Plate — Quantenverschränkung

Quantenverschränkung

Zwei weit voneinander entfernte Teilchen teilen sich einen einzigen Quantenzustand, und die Korrelation zwischen ihnen scheint das Licht zu überholen — Einstein war das zutiefst zuwider.
Als Nächstes empfohlen → Wahrscheinlichkeit · MATH · T3
Facetten
  • A shared state that won't factor apartnoch nicht geprüft
  • Bell's inequality and the death of local realismnoch nicht geprüft
  • Correlations that can't carry a messagenoch nicht geprüft
  • Entanglement as the fuel of quantum technologynoch nicht geprüft
Der Beitrag

Die Arbeit, die Einstein, Podolsky und Rosen 1935 vorlegten, sollte zeigen, dass die Quantenmechanik unvollständig ist: Zwei Teilchen, gemeinsam präpariert und danach beliebig weit getrennt, trügen korrelierte Eigenschaften, und eine Messung am einen lege die des anderen augenblicklich fest. Einstein sprach von „spukhafter Fernwirkung“. Dreißig Jahre lang ließ sich der Streit nicht entscheiden. 1964 fand John Bell, ein nordirischer Physiker am CERN, eine Ungleichung, der jede lokal-realistische Theorie gehorchen muss — und die Quantenmechanik hält sich nicht daran. Aspect (1982), Zeilinger (ab den 1990er Jahren) und, am schärfsten, das schlupflochfreie Delfter Experiment von 2015 haben es gemessen: Die Natur verletzt die Bellsche Ungleichung. Die Welt ist nichtlokal korreliert. Einstein hatte recht damit, dass die Quantenmechanik diese Eigenschaft besitzt — und unrecht damit, sie deshalb zu verwerfen.

Verschränkung ist eine Quantenkorrelation zwischen Systemen, für die es klassisch kein Gegenstück gibt. Verschränkt heißen zwei Teilchen, wenn sich ihr gemeinsamer Zustand nicht als Produkt zweier Einzelzustände schreiben lässt: Messungen am einen hängen statistisch mit Messungen am anderen zusammen, und wie sie zusammenhängen, entscheidet die Wahl der Messbasis. Der Standardfall ist ein Paar Spin-½-Teilchen im Singulettzustand |ψ⁻⟩ = (|↑↓⟩ − |↓↑⟩)/√2. Misst man den Spin des einen längs einer beliebigen Achse, fällt das Ergebnis mit 50 zu 50 aus; misst man den anderen längs derselben Achse, kommt mit Sicherheit das Gegenteil heraus, gleichgültig wie weit die beiden auseinander sind. Bei verschiedenen Achsen hängen die Wahrscheinlichkeiten vom eingeschlossenen Winkel ab — und sie verletzen die Bellschen Ungleichungen, denen jede lokale Theorie verborgener Variablen genügen müsste. Genau das besagt Bells Theorem von 1964: Keine lokal-realistische Theorie kann sämtliche Vorhersagen der Quantenmechanik reproduzieren. Die schlupflochfreien Experimente von 2015 (Hensen u. a., Giustina u. a.) schlossen die Schlupflöcher zur Lokalität und zur Detektion gleichzeitig; das gilt heute als endgültige Widerlegung des lokalen Realismus, und 2022 ging der Nobelpreis an Aspect, Clauser und Zeilinger. Signale schneller als das Licht erlaubt Verschränkung dennoch nicht: Für sich allein betrachtet ist das Resultat auf der einen Seite reiner Zufall, bloßes Rauschen; sichtbar wird die Korrelation erst, wenn beide Seiten ihre Aufzeichnungen vergleichen — und das geht nur mit Lichtgeschwindigkeit. Die Kausalität bleibt also praktisch unangetastet, auch wenn sich der Mechanismus dahinter klassisch nicht begreifen lässt. Erzeugt wird Verschränkung durch Wechselwirkung, zerstört durch Dekohärenz, also durch Verschränkung mit der Umgebung, über deren unbeobachtete Freiheitsgrade die Spur gebildet wird. Die Quanteninformationstheorie behandelt sie als Ressource — messbar, übertragbar, gegeneinander aufrechenbar — und misst sie über die Verschränkungsentropie.

Warum jetztDie Quantenkryptographie — die Protokolle BB84 und E91 — baut auf Verschränkung, um beweisbar sichere Verbindungen herzustellen: Jeder Lauschversuch stört die Korrelationen so, dass er auffliegt. Die Quantenteleportation (Bennett u. a. 1993, seither dutzendfach vorgeführt) überträgt mit einem verschränkten Paar und klassischer Kommunikation einen beliebigen, unbekannten Quantenzustand. Ein großer Teil der Mächtigkeit des Quantencomputings stammt aus derselben Quelle: Ein verschränkter Zustand aus n Qubits spannt einen Hilbertraum der Dimension 2ⁿ auf. Die Quantensensorik misst mit verschränkten Sondenzuständen — NOON-Zustände, gequetschte Zustände — genauer, als es das klassische Standardquantenlimit erlaubt. In der Festkörperphysik und in der Quantengravitation ist die Verschränkungsentropie zur Grundgröße geworden; die ER=EPR-Vermutung setzt Verschränkung sogar mit der Geometrie von Wurmlöchern gleich. Was Einstein spukhaft nannte, ist ein Jahrhundert später die zentrale Ressource der Quantentechnik.
Zur VertiefungSpeakable and Unspeakable in Quantum Mechanics (Bell, 2. Aufl., 2004). Quantum Computation and Quantum Information (Nielsen & Chuang, 10. Jubiläumsausgabe, 2010). Quantum Mechanics and Experience (Albert, 1992). The Age of Entanglement (Gilder, 2008).