Public Choice & Staatsversagen
- Government failure as the mirror of market failurenoch nicht geprüft
- Rational ignorance, capture, and rent-seekingnoch nicht geprüft
- Rules of the game over policies within themnoch nicht geprüft
Wer Volkswirtschaftslehre lernt, lernt zuerst das Marktversagen: Fälle, in denen der sich selbst überlassene Markt ineffiziente Ergebnisse liefert — stillschweigend verbunden mit dem Schluss, der Staat könne es richten. 1962 drehten James Buchanan und Gordon Tullock, zwei amerikanische Ökonomen an der University of Virginia, in The Calculus of Consent denselben Werkzeugkasten um und richteten ihn auf den Staat: Auch Politiker und Bürokraten folgen Anreizen und eigenen Interessen — selbstlose Wohlfahrtsmaximierer sind sie nicht. Daraus wuchs die Public-Choice-Theorie, im deutschen Sprachraum auch Neue Politische Ökonomie, und mit ihr eine symmetrische Analyse: Der Markt versagt, der Staat versagt auch, und zu fragen ist, welche institutionelle Ordnung auf einem gegebenen Feld weniger versagt. Buchanan erhielt dafür 1986 den Wirtschaftsnobelpreis; Verfassungsdesign, Regulierungsanalyse und politische Ökonomie tragen die Handschrift des Ansatzes bis heute.
Nimmt man die Symmetrie ernst, folgt der Rest beinahe mechanisch. Zuerst der Wähler. Dass eine einzelne Stimme die Wahl entscheidet, ist so unwahrscheinlich, dass die Stunden bis zur wirklich informierten Meinung praktisch nichts einbringen; uninformiert zu bleiben ist keine Trägheit, sondern die korrekte Rechnung über den Ertrag von Aufmerksamkeit — rationale Ignoranz. Die Unaufmerksamkeit der Wählerschaft ist damit strukturell; kein Appell schafft sie aus der Welt. Für wen sich das Hinsehen dagegen lohnt, zeigt eine Zuckerquote: Sie kostet jeden Verbraucher ein paar Euro im Jahr und bringt ein paar hundert Erzeugern Millionen ein — die Erzeuger verteidigen sie erbittert, alle anderen zucken die Achseln, denn nur bei den Erzeugern steht genug auf dem Spiel. Dieses Gefälle der Betroffenheit — konzentrierter Nutzen, gestreute Kosten — ist das Resultat des Fachs, das am weitesten trägt: Eine Politik kann Jahrzehnte überdauern und dabei unterm Strich schaden, sofern der Schaden dünn genug verteilt ist, dass sich für niemanden der Kampf dagegen rechnet. Dieselbe Anreizlogik wirkt in den Institutionen selbst. Eine Aufsichtsbehörde braucht die beaufsichtigte Branche — für das Fachwissen, ohne das keine Aufsicht möglich ist, und nicht selten für den nächsten Arbeitsplatz. Ihr Bild der Welt rückt an das der Branche heran, ohne dass je Geld fließt; Vereinnahmung ist deshalb eher ein Gefälle als ein Delikt. Und wo der Staat Lizenzen, Zölle oder geschützte Monopole zu vergeben hat, wird die Vergabe zum Preis, um den es sich zu konkurrieren lohnt: Anstrengung fließt ins Rent-Seeking, und der Verlust liegt nicht im Transfer, sondern in allem, was sein Erstreiten verschlingt. Wenn aber die Anreize das Verhalten erzeugen, muss die Reform dort ansetzen, wo Anreize gesetzt werden. Darum bestand der späte Buchanan darauf, dass die entscheidenden Wahlakte konstitutionelle sind — Regeln, gewählt, bevor man weiß, welchen Platz man einnehmen wird, nicht Politik, betrieben von einem Platz, den man schon hat. Der stärkste Einwand: Das Menschenbild ist zu dünn. Menschen gehen wählen, dienen redlich und decken Missstände gegen das eigene Interesse auf, und etliche der schärferen empirischen Vorhersagen des Fachs sind nicht eingetreten. Bestand hat die methodische Forderung — den Staat mit demselben nüchternen Blick zu untersuchen wie den Markt und Wohlwollen als Behauptung zu behandeln, die Belege braucht, nicht als Ausgangsannahme.