Die Bibliothek · ChemieTafel № 764 · Folio V
ILL. № 764
CHEM
Plate — Mehrprotonige Säuren & der isoelektrische Punkt

Mehrprotonige Säuren & der isoelektrische Punkt

Manche Moleküle geben mehrere Protonen nacheinander ab oder nehmen sie ebenso auf. Am isoelektrischen Punkt bleibt keine Nettoladung übrig — und genau daran hängt die Aufreinigung von Proteinen.
Als Nächstes empfohlen → Säure-Base & pH · CHEM
Facetten
  • Polyprotic acids releasing protons in sequencenoch nicht geprüft
  • Zwitterions and the pI = (pKa₁ + pKa₂)/2 midpointnoch nicht geprüft
  • Net charge versus pH and isoelectric focusingnoch nicht geprüft
  • Ion-exchange, isoelectric precipitation, and casein curdlingnoch nicht geprüft
Der Beitrag

Eine Aminosäure in Lösung ist nur selten das neutrale Molekül des Lehrbuchs. Bei physiologischem pH-Wert hat die Carboxylgruppe ihr Proton längst abgegeben und die Aminogruppe eines aufgenommen; übrig bleibt ein Zwitterion — innen geladen, außen neutral, Säure und Base in einem. Den pH-Wert, bei dem sich die beiden Ladungen exakt aufheben, nennt man den isoelektrischen Punkt oder kurz pI. Schon eine pH-Einheit nach oben oder unten, und das Molekül trägt netto Ladung in die eine oder die andere Richtung — ein elektrisches Feld hat dann etwas, woran es schieben kann. Auf dieser einen Tatsache — dasselbe Molekül trägt bei verschiedenem pH verschiedene Nettoladungen — ruht erstaunlich viel Biochemie, in der Zelle wie im Labor.

Manche Säuren tragen mehr als ein abspaltbares Proton und geben es nacheinander ab. Die Phosphorsäure hat drei: H₃PO₄ → H₂PO₄⁻ (pKs₁ ≈ 2,1) → HPO₄²⁻ (pKs₂ ≈ 7,2) → PO₄³⁻ (pKs₃ ≈ 12,4). Die Kohlensäure hat zwei, deren pKs-Werte weit auseinanderliegen und gemeinsam den Puffer des Ozeans regeln. Aminosäuren haben mindestens zwei — α-Carboxyl und α-Amino —, und bei sieben der zwanzig kommt über die Seitenkette ein dritter hinzu. Jeder pKs-Wert ist eine eigene Henderson-Hasselbalch-Geschichte; zusammen ergeben sie eine Titrationskurve mit mehreren Plateaus, deren jedes ein Pufferbereich um den zugehörigen pKs ist.

Aus diesem Stapel von Gleichgewichten fällt der isoelektrische Punkt heraus. Für eine einfache Aminosäure mit zwei pKs-Werten gilt pI = (pKs₁ + pKs₂)/2 — der pH-Wert genau zwischen dem Verlust des ersten und dem des zweiten Protons, an dem die negative Ladung des Carboxylats die positive des Ammoniums genau aufhebt. Trägt die Seitenkette selbst eine Ladung, verschiebt sich die Rechnung: Dann mittelt man die beiden pKs-Werte, die die neutrale Form einrahmen. Proteine dehnen dieselbe Idee auf Hunderte ionisierbarer Gruppen aus; jedes hat aus seiner Mischung saurer und basischer Reste einen eigenen pI, an dem es keine Nettoladung trägt und am schlechtesten löslich ist. Unterhalb des pI ist es netto positiv geladen, oberhalb negativ, und im elektrischen Feld wandert es entsprechend. Genau davon lebt die isoelektrische Fokussierung: Ein Protein driftet in einem stabilen pH-Gradienten, bis es seinen pI erreicht, und bleibt dort liegen, weil an einer Nettoladung von null kein Feld mehr angreift. Das Verfahren trennt noch Proteine, deren pI sich um weniger als 0,01 pH-Einheiten unterscheidet, und bildet die erste Dimension der 2D-Gelelektrophorese.

Warum jetztDieselbe Chemie trägt die industrielle Proteinreinigung — für monoklonale Antikörper, rekombinantes Insulin, Impfstoffantigene. Die Ionenaustauschchromatographie fährt ihre Säulen bei einem pH-Wert, bei dem das gesuchte Protein gerade das passende Ladungsvorzeichen zum Binden hat, während entgegengesetzt geladene Verunreinigungen durchlaufen; die isoelektrische Fällung holt ein Protein aus der Lösung, indem man den pH direkt auf dessen pI stellt, wo die Löslichkeit am geringsten ist. So fällt auch das Casein in der Käserei aus: Milchsäurebakterien drücken den pH auf ~4,6, den pI des Caseins, und die Milch dickt ein. Dieselbe ladungsgetriebene Logik, die einer schlüpfenden Pteropode im versauernden Ozean das Leben schwer macht, ist im Fermenter das zentrale Werkzeug der modernen Biotechnologie.