Polarität
Polarität ist der Fachbegriff der Theorie internationaler Beziehungen für die Zahl unabhängiger Machtzentren in einem System. Unipolar: eines, Amerika nach 1991. Bipolar: zwei, der Kalte Krieg. Multipolar: drei oder mehr, also der größte Teil der europäischen Geschichte. Die Frage ist folgenreich, weil jede Konfiguration eigene Stabilitätseigenschaften mitbringt, eigene beste Strategien und eigene Muster der Bündnisbildung: Was bei zwei Supermächten vernünftig ist, wird bei fünf leichtsinnig. Und der Streit darüber, ob ein Moment bipolar oder multipolar ist — ob China ebenbürtig ist oder Regionalmacht, ob die EU als Pol zählt oder nur als Markt, ob Indien in den Polstatus hineinwächst —, ist keine akademische Spielerei: Er bestimmt, wie außenpolitische Strategie gebaut wird, welche Bündnisse man sucht und welche Bedrohungen man durchspielt.
Die klassische These, verbunden mit Kenneth Waltz, lautet: Bipolarität ist am stabilsten. Zwei Supermächte können die Signale des anderen lesen, eigene Aufrüstung ersetzt das riskante Jonglieren mit Bündnissen, und es gibt keine Dritten, die einen von beiden in einen Krieg hineinreißen. Multipolarität ist am wenigsten stabil — 1914 ist der kanonische Fall: Bündnisse sind im Fluss, Fehleinschätzungen häufig, und aufsteigende Mächte lassen sich von Gelegenheiten verführen. Unipolarität sitzt unbequem dazwischen: stabil für den Hegemon, instabil für alle anderen, und mit der Zeit produziert sie Gegenkoalitionen. Die empirische Forschung hat dieses klare Bild verkompliziert. Bipolare Systeme können stabil sein — der Kalte Krieg, den die nukleare Furcht kalt hielt — oder katastrophal, wie Sparta und Athen, deren Rivalität Thukydides zum Gründungsfall machte. Multipolare Systeme können stabil sein wie das Europäische Konzert von 1815 bis 1854 oder katastrophal wie das Europa der Zwischenkriegszeit. Wichtiger als die bloße Zahl scheinen die Verteilung der Fähigkeiten, die Verfügbarkeit von Kernwaffen, die den Preis eines großen Krieges über jeden vernünftigen Gewinn treiben, und die Klarheit der Absichten. Die Gegenwart ist ernsthaft umstritten: Das strategische Kernwaffengleichgewicht bleibt mindestens bipolar zwischen den USA und Russland; bei der Hochseemacht führen die USA; technologisch und wirtschaftlich wird der Wettstreit zwischen Amerika und China zunehmend bipolar; und die regionalen Sicherheitsordnungen vom Golf bis in die Sahelzone sind multipolar.