Natürliche Auslese
- Darwin, Wallace, and On the Origin of Speciesnoch nicht geprüft
- Heritable variation in populationsnoch nicht geprüft
- Differential reproduction & selection pressurenoch nicht geprüft
- Common descent & the tree of lifenoch nicht geprüft
Im Jahr 1858 wurden vor der Linnean Society in London zwei Arbeiten gemeinsam verlesen: die eine von Charles Darwin, der seit zwanzig Jahren an der Theorie arbeitete, ohne sie je zu veröffentlichen; die andere von Alfred Russel Wallace, dem auf den Molukken im Malariafieber unabhängig dieselbe Idee gekommen war. Der Mechanismus, den sie vorschlugen — die natürliche Auslese — war so schlicht, dass er in einen Absatz passte: Organismen variieren; die Variation ist erblich; mehr Individuen werden geboren, als überleben; und die Überlebenden geben ihre Merkmale weiter. Die Schlichtheit täuscht. Keine Idee hat Biologie, Medizin, Landwirtschaft und menschliches Selbstverständnis tiefer umgestaltet als diese — und anderthalb Jahrhunderte Forschung haben ihre Reichweite nur weiter ausgeleuchtet.
Die natürliche Auslese braucht drei Zutaten: Variation in einer Population, Erblichkeit dieser Variation und unterschiedliche Reproduktion — manche Varianten hinterlassen mehr Nachkommen als andere. Sind diese drei gegeben, folgt Evolution — die Veränderung der Merkmalshäufigkeiten über Generationen hinweg — von selbst. Der Mechanismus braucht keine Voraussicht, keinen Entwurf, keinen Zweck; er ist eine statistische Folge von Geburten und Toden in einer variierenden Population. Ein Lehrbuchfall zeigt die Schleife in Echtzeit: setze einen Kolben voll Bakterien einem Antibiotikum aus, und die wenigen Zellen mit einer Resistenzmutation überleben und teilen sich, sodass die Population binnen Tagen überwältigend resistent ist — Variation, Erblichkeit und unterschiedliches Überleben, schnell genug, um zuzusehen. Zwei Verfeinerungen zählen. Die Mutation liefert die rohe Variation, lenkt sie aber nicht; nicht der Organismus, sondern die Umwelt entscheidet, welche Varianten sich auszahlen. Und die Auslese ist nicht die einzige Kraft: in kleinen Populationen kann die genetische Drift — reines Stichprobenglück — Merkmale unabhängig von ihrer Fitness fixieren oder tilgen, sodass Anpassung und Zufall in jedem Genom Spuren hinterlassen. Lässt man den Prozess lange genug mit getrennt gehaltenen Populationen laufen — durch einen Ozean, ein Gebirge, eine verschobene Paarungszeit —, driften ihre Genpools auseinander, bis sie sich nicht mehr kreuzen können: Artbildung, jene Verzweigung, die aus einer Linie den Baum des Lebens macht, den Darwin als einzige Illustration zeichnete. Mit der Integration der mendelschen Genetik in den 1930er und 40er Jahren (die Moderne Synthese) bekam die Theorie ein quantitatives Fundament. Die Entdeckung der DNA-Struktur 1953 gab ihr ein molekulares Substrat. Das heutige Bild umfasst die neutrale Theorie (der größte Teil genetischer Veränderung ist selektiv neutral), die Genebenenselektion (Dawkins' Das egoistische Gen), die Verwandtenselektion (Hamilton, der den Altruismus gegenüber Verwandten erklärt), die sexuelle Auslese (Darwins andere große Idee) und die Evo-Devo (entwicklungsbiologische Beschränkungen formen, welche Variation überhaupt zur Verfügung steht). Die Evolutionsbiologie ist heute verzahnt mit Epidemiologie (Antibiotikaresistenz, Virusentwicklung), Medizin (Krebs als somatische Evolution), Naturschutz (Populationsgenetik, Inzucht), Landwirtschaft (Pflanzen- und Tierzucht), Psychologie (evolutionär entstandene kognitive Verzerrungen) und Anthropologie (Geschichte der menschlichen Populationen).