Die Bibliothek · Geschichte & GeopolitikTafel № 282 · Folio VIII
ILL. № 282
GESCH
Plate — NATO und Warschauer Pakt

NATO und Warschauer Pakt

Zwei Bündnissysteme, ein Kontinent, ein halbes Jahrhundert eingefroren.
Der Beitrag

Im April 1949 unterzeichneten zwölf westliche Staaten in Washington den Nordatlantikvertrag, ein Bündnis mitten im Frieden, dessen Artikel 5 den Angriff auf einen zum Angriff auf alle erklärte. Für die Vereinigten Staaten war das ein Bruch mit der eigenen Tradition: Ein Land, das sich seit George Washingtons Abschiedsmahnung vor solchen Verstrickungen gehütet hatte, verpflichtete sich nun auf Dauer zur Verteidigung Europas. Sechs Jahre später, als die Bundesrepublik wiederbewaffnet und in die NATO aufgenommen war, antwortete Moskau mit dem Warschauer Pakt, einem Gegenbündnis seiner osteuropäischen Satelliten. Von 1955 bis 1991 standen sich über dem geteilten Deutschland zwei Militärblöcke gegenüber, zusammen sieben Millionen Soldaten und die größte Ansammlung von Kernwaffen, die die Erde je getragen hat.

Die Gründungslogik brachte Lord Ismays Bonmot auf den Punkt — die Russen draußen, die Amerikaner drinnen, die Deutschen unten halten —, und alle drei Ziele trugen. Unter dem Sicherheitsschirm konnte Westeuropa seine Rüstungsausgaben klein halten, sich politisch entmilitarisieren und wirtschaftlich wieder hochkommen. Der Vertrag band amerikanische Macht an europäischen Boden, sodass ein Rückzug im Alleingang teuer wurde und das sowjetische Kalkül vom ersten Schuss an mit den USA rechnen musste. Und er bettete die Bundesrepublik so in eine multilaterale Ordnung ein, dass ein weiterer europäischer Krieg praktisch undenkbar wurde. Die Drohung wirkte dabei nie bloß militärisch, sondern psychologisch: Abschreckung besteht darin, den Angriff schon im Voraus aussichtslos aussehen zu lassen. Der Warschauer Pakt war dagegen weniger ein Bündnis als eine sowjetische Kommandostruktur in Vertragsform. Seine Unterzeichner hatten die Mitgliedschaft nicht frei gewählt, Moskau führte operativ und hielt eigene Armeen auf ihrem Boden, und sein einziger gemeinsamer Einsatz richtete sich gegen ein eigenes Mitglied: 1968 gegen den Prager Frühling, gedeckt von der Breschnew-Doktrin der „begrenzten Souveränität“ — den ungarischen Aufstand von 1956 hatten sowjetische Truppen allein niedergeschlagen. Mit dem sowjetischen System zerfiel 1989–91 auch der Pakt; im Juli 1991 wurde er förmlich aufgelöst. Die NATO dagegen nicht — sie rückte in mehreren Runden nach Osten, nahm frühere Paktstaaten und Sowjetrepubliken auf, ging auf dem Balkan und in Afghanistan über ihr Bündnisgebiet hinaus, rief nach dem 11. September zum ersten und bisher einzigen Mal den Bündnisfall aus und überlebte ihren Gründungszweck um drei Jahrzehnte — bis dieser zurückkam.

Warum jetztSeit dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022 hat die NATO ihren ursprünglichen Zweck zurück — und mit Finnland und Schweden zwei Mitglieder, deren Beitritt ihre lange militärische Bündnisfreiheit beendet und die Landgrenze des Bündnisses zu Russland verdoppelt hat. Ob sie nach Donald Trumps Rückkehr ins Amt im Januar 2025, als er die Garantie aus Artikel 5 erneut offen infrage stellte, zusammenhält; ob die Europäer sich nach Jahrzehnten zu niedriger Ausgaben ohne amerikanische Führung glaubwürdig verteidigen können; ob die Ostflanke hält — das Baltikum, Polen, die schmale Lücke von Suwałki dazwischen: Das sind keine hypothetischen Fragen mehr. Die Ferien von der Geschichte, die 1991 begannen, sind vorbei, und die NATO tut wieder das, wofür sie gebaut wurde.