NAFTA und WTO
In den zwei Jahren 1994 und 1995 schufen die Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko mit dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen die bis dahin ehrgeizigste Freihandelszone zwischen reichen Demokratien und einem Entwicklungsland. Zugleich folgte die Welthandelsorganisation auf das GATT, dessen Streitverfahren durchaus existierte, aber langsam war und von unterlegenen Regierungen leicht blockiert werden konnte. Die WTO machte daraus eine dauerhafte Institution, weitete die Regeln auf Dienstleistungen und geistiges Eigentum aus, stärkte die Streitbeilegung und holte 2001 mit China ein Fünftel der Menschheit in das Regelwerk. Gemeinsam lieferten NAFTA und WTO einen großen Teil der Rechtsmaschinerie für die Globalisierung der 1990er-Jahre. Industrie, Finanzwesen und Lieferketten ordneten sich binnen eines Jahrzehnts nach den neuen Regeln neu — für ein einziges Produkt oft über drei Kontinente hinweg.
Gemessen an ihren eigenen Maßstäben war die Handelsordnung der 1990er-Jahre außerordentlich erfolgreich: Der Welthandel wuchs rasant, Hunderte Millionen Menschen entkamen extremer Armut, vor allem in China und Indien, und Importwaren wurden in den reichen Ländern billiger. Sie war zugleich politisch sprengkräftiger, als ihre Architekten annahmen. NAFTA beschleunigte Standortverlagerungen und Verluste in einzelnen Branchen, die bereits begonnen hatten; auf die Gesamtbeschäftigung der USA blieb der Effekt klein. Der größere Schock kam mit Chinas Beitritt: David Autor und seine Kollegen schätzten, dass die Importkonkurrenz bis 2011 rund 2,4 Millionen amerikanische Arbeitsplätze kostete — konzentrierte Verluste in Orten, die kaum Ersatz dafür fanden. In den am stärksten betroffenen Landkreisen stiegen später Suizide und verwandte Todesursachen; sie wurden Teil jener breiteren Krise der Tode aus Verzweiflung, die Anne Case und Angus Deaton dokumentierten. Die politische Gegenbewegung hielt an: Ross Perot warnte 1992 vor einem „gewaltigen Sog“, 1999 protestierte Seattle gegen die WTO, ein Wirtschaftsnationalismus wuchs links (Sanders) wie rechts (Trump), es kamen der Brexit und nach 2016 der parteiübergreifende amerikanische Protektionismus — und heute ist all das die bestimmende politische Tatsache weiter Teile der entwickelten Welt. Die offene Handelsordnung der 1990er wird gerade mit Absicht abgebaut: durch Trumps Zölle, durch die Rückkehr zur Industriepolitik in CHIPS Act und IRA, durch Europas Schutzinstrumente gegen China und durch eine WTO, deren Berufungsgericht die Vereinigten Staaten seit Dezember 2019 ohne Richter und damit ohne Beschlussfähigkeit lassen.