Mimesis
- Plato: art as imitation twice removednoch nicht geprüft
- Aristotle: natural imitation and catharsisnoch nicht geprüft
- From general nature to Romantic expressivismnoch nicht geprüft
- Modernism, Auerbach, and the limits of mimesisnoch nicht geprüft
Dass Kunst mimesis sei — Nachahmung, Darstellung der Natur —, darin waren sich Platon und Aristoteles, die beiden Gründergestalten der westlichen Philosophie, einig. Ob das für die Kunst spricht, darüber nicht. Im zehnten Buch der Politeia (~375 v. Chr.) erklärte Platon die Kunst zur Nachahmung einer Nachahmung: Schon die Alltagswelt ist nur ein unvollkommenes Abbild der Ideen; das gemalte Bett steht also zweifach von der Wirklichkeit entfernt und gehört aus dem idealen Staat verbannt. Aristoteles hielt in der Poetik (~335 v. Chr.) dagegen: Nachahmen ist dem Menschen natürlich, Kunst ahmt allgemeine Muster nach, und Dichtung ist philosophischer als Geschichtsschreibung. Dieser Streit gab der europäischen Ästhetik für zweieinhalb Jahrtausende die Begriffe vor — bis Fotografie und Moderne das Schema gemeinsam ins Wanken brachten.
Im klassischen Rahmen ahmte Kunst die Natur nach, menschliches Handeln oder ideale Formen. Platons Einspruch griff auf drei Ebenen an: Metaphysisch steht die Kunst den Ideen doppelt fern, erkenntnistheoretisch täuscht sie, moralisch wendet sie sich an den niederen Teil der Seele — ein Argument, das seither in jedem Bildersturm nachhallt. Aristoteles hielt dagegen: Nachahmung ist kognitiv natürlich, wir lernen durch sie, und die Tragödie wirkt kathartisch — sie führt Handlungen vor, die Mitleid und Furcht wecken, und reinigt so ihr Publikum. Die Poetik, eine Sammlung von Vorlesungsnotizen und erst in der Renaissance wiederentdeckt, wurde zum Gründungstext der westlichen Dramentheorie. Bei den italienischen Humanisten — Alberti, Vasari, Leonardo — kehrte die klassische Mimesis als selektive Darstellung zurück; Sir Joshua Reynolds formulierte in seinen Discourses vor der Royal Academy (1769–1790) die einflussreichste englischsprachige Fassung der klassizistischen Mimesis: Nachahmung der allgemeinen Natur. Die Abkehr — romantisch, dann nachromantisch — vollzog sich schrittweise: Wordsworth setzte in seiner Vorrede von 1800 die Sprache, wie Menschen sie wirklich sprechen, an die Stelle des Modells; der romantische Expressivismus verstand Kunst als Ausdruck des Inneren des Künstlers; der Ästhetizismus — Whistler, Pater, Wilde, Mallarmé — beharrte darauf, dass Kunst ihre eigenen Zwecke hat. Um 1910 war der Bruch da: Kubismus, Kandinskys erste abstrakte Bilder, Schönbergs Atonalität verwarfen die Darstellung grundsätzlich — mit der Begründung, die Fotografie habe die wörtliche Mimesis überflüssig gemacht. Erich Auerbach schrieb Mimesis (1946) im Istanbuler Exil während des Krieges und verfolgte darin die dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur von Homer bis Virginia Woolf. Wo der Rahmen endet, zeigen die üblichen Einwände: Musik ahmt nicht auf offensichtliche Weise nach, abstrakte Kunst ebenso wenig, und weite Teile außereuropäischer Kunst — islamisches Ornament, chinesische Kalligrafie, indischer Raga — sperren sich gegen jede mimetische Lesart.